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Nachsehen


Partner-Seminar. Eine Frau hat sich von ihrem Mann getrennt. Sie sagt, dass sie jetzt viel mutiger sei als früher und gelernt habe, ihrem Expartner entschiedener gegenüberzutreten. Klar, denke ich, sie hat sich zu viel bieten lassen, dann ging nichts mehr, und nach dem Auseinandergehen kommt sie mehr und mehr zu sich.

Aber ich übersehe dabei nicht ihren Unfrieden. Sie geht zu sich, sie steht zu sich. Sie sorgt für das Bewahren ihrer Grenze. Da wird sie stärker und mutiger. Sie geht mehr und mehr von ihm weg und zu sich hin. Die Bewegung von ihm fort lässt aber eben auch ein unfriedliches Land zurück. Er ist ihr nicht mehr willkommen -  aus gutem Grund. Aber sie hat einen Teil von sich selbst ihm übergeben, etwas von ihr trägt Unfrieden: der Teil, der sie ist, wenn er in ihr präsent wird, wenn sie an ihn denkt, wenn sie ihn trifft und wenn sie ihn ablehnt.

Mut spüren, Nein sagen, Grenze ziehen, Würde wieder finden – Kraft für die verletzte Seele. Aber all das befriedet diesen anderen Teil ihrer Seele nicht. Den Teil von ihr, in dem er ist. Doch auch das geht. Wir können auch in das eigene Land, das von uns selbst mit dem anderen gefüllt wird, Kraft, Wärme, Frieden fließen lassen. Wir können auch dort wieder Liebe einziehen lassen. Es geht dabei nicht um den anderen, sondern um uns selbst. Um das von uns, was den anderen in uns weiterleben lässt. Dieser Teil lässt sich auch nicht heraustrennen – da er unser eigener Teil ist.

„Was kannst Du ihm nachsehen?“ frage ich.  „Was soll ich?“ Nein, das ist etwas ohne Sollen. Es ist eine Bewegung, eine Auch-Möglichkeit. Wenn wir dem anderen etwas nachsehen, bringen wir Frieden in unseren Teil, der der andere ist. Es mildert die Dramatik, das Ungeheuerliche, das Leid, etwas von den Dingen, die zum Ärger und zum Aus geführt haben. Die Wellen im eigenen Land werden ruhiger. Jemandem etwas nachsehen – wieso eigentlich nicht?

Keine Nachsicht: Dafür gibt es tausend Gründe. Aber der tausendundeinste Grund ist das Tor zur Selbstliebe: Wenn ich Dir etwas nachsehe, bringt mir das Frieden. Wenn die Kinder dauernd mit meinem neuen Handy spielen – ich sehe es ihnen nach. Muss ich nicht machen. Kann ich aber machen. Und ich mache es. Und wenn ich es mache, kehrt Ruhe, Frieden ein in mein Aufgebrachtsein. Wenn ihr Ex so ein Wildschwein ist und sie ihm da etwas nachsieht, von seinem wilden Benehmen: ?!. Möglich ist das, nicht verboten. Klar ist es auch irgendwie großzügig ihm gegenüber, aber klarer ist, dass es ihr den Frieden bringt.

„Was kannst Du ihm nachsehen?“ „Dann müsste ich ja irgendwie Frieden mit ihm schließen.“ „Du musst ihm ja nicht um den Hals fallen. Aber es wird viel Frieden für Dich dabei abfallen.“ Die Nachsichtkarte kann immer gespielt werden. Was nicht heißt, sich etwas gefallen zu lassen, wo man das nicht will. „Her mit dem Handy“ und „dieses Schwein“ ist immer möglich. Nur: Nachsicht ist von leichterer Art, aus Liebe gewirkt. Voll Souveränität und Harmonie. Gespielt, wie das Leben.
      

Ist alles in Ordnung?

Nach dem Joggen mache ich Gymnastik. Ich sitze auf dem Boden, auf dem kleinen Weg am Fluß. Ein Wanderer kommt auf mich zu. „Ist alles in Ordnung?“ fragt er besorgt. „Ja“, sage ich, „ich mache nur Gymnastik. Danke.“ Wir sehen uns freundlich an, und er geht wieder seiner Wege. Er sah einen Menschen am Boden, war besorgt und hat sich gekümmert. Es tut mir gut.

„Ist alles in Ordnung?“ Wir können immer wieder hinschauen. Vielleicht braucht jemand gerade Hilfe. Meine Hilfe. Doch da gibt es auch eine Hürde, die es zu nehmen gilt. Bin ich aufdringlich, übergriffig? Bringt meine Frage nur unangenehme Reaktionen?

Wieviel Einmischung darf sein? Wie immer kommt es letztlich auf mich an. Der andere wird dann schon reagieren. Ich sehe jemandem am Boden: kommt das gut, wenn ich da nachfrage? Ich überwinde die Hürde, betrete ungefragt sein Land und folge dem Impuls, mich einzumischen. Es drängt mich danach, und es beruhigt mich. Ich lasse ein mögliches Leid nicht am Wege liegen, übersehe dieses Signal nicht. Jeder gehört sich selbst, klar, aber diese Grenzüberschreitung gestatte ich mir.

„Ist alles in Ordnung?“ Ich denke darüber nach. Wie oft reagiere ich, wenn etwas neben mir auftaucht, das Leid sein könnte? Wieviel sehe ich und wieviel übersehe ich? Wie oft kann ich den Blick lösen vom Eingefangensein des Alltags? Ich nehme mich jetzt nicht in die Pflicht, sorgsamer zu sein. Aber ich spüre dem nach und merke, daß es einfach auch gut tut, sich zu kümmern. Mir gut tut. Es ist auch ein Abenteuer der Freude, dem anderen beizustehen und ihm aufzuhelfen.

Wenn wir in einem Raum liebevoller Leichtigkeit unterwegs sind, schauen wir nach dem Leid des anderen. Wenn wir selbst beschwert sind, gelingt das selten. Das muß man sich ja nicht übelnehmen, wir sind stets unterschiedlich beladen unterwegs. Sein „Ist alles in Ordnung?“ kommt aus einem guten Land, überschreitet die Grenze und führt in ein gutes Land. Der Wanderer und ich sind uns in diesem Land begegnet, ein bißchen Zauberei unten am Fluß. Ein Geschenk, das mich begleitet.
       

Zuversicht

Ich bin alltagsunterwegs, dies und das und jenes liegt an. Dabei summt eine unmerkliche Gelassenheit. Das wird schon, alles und sowieso. Wenn etwas aussichtslos oder ziemlich aussichtslos oder eigentlich aussichtslos ist – dennoch treibt es mich nicht aus der Bahn. Irgendwie trägt da etwas. Es ist nichts zum Drübernachdenken, aber eben da. Und wenn ich dann doch einmal darüber nachsinne, wie jetzt, lässt es sich auch bemerken. Ein amicatives Grundrauschen.

Es ist eine Sicherheit. Ein Grund, der trägt. Eine Selbstverständlichkeit. Nichts Großartiges. Ein Eingebundensein. Wie das Darinsein in der Natur, wenn ich im Wald unterwegs bin. Wenn ich in der Welt unterwegs bin: Eingebundensein in die unendlich vielen Mosaiksteinchen der Gegenwart, in die Monumentalität des Geschehens. Es steht nichts zwischen mir und der Welt. Ich bin zugehörig.

Oft lässt sich etwas nicht ändern. Was aber anders sein möge, sollte, müsste. Das „geht nicht“ ist immer wieder eine Last. Die aber nicht geht, sondern immer unangenehmer wird, je mehr sie gehen soll. Eine verzwickte Kiste. Wäre ich gelassener, wäre es leichter. Bin ich aber nicht! Also bleibt es blöd und unangenehm. Aber dennoch: auch bei dieser Mühseligkeit gibt es Grund unter den Füßen, da sackt nichts weg. Auch wenn meine Zaubereien, es möge sich doch so ändern, wie ich es gern hätte, nicht klappen. Klappt zwar nicht – aber der Grund bleibt.

Was für ein Grund? Das Vertrauen in das große Ganze. Das Willkommen-Gefühl. Das Ich-bin-Teil-davon-Gefühl. Das Wird-Schon. Die Zuversicht eben. Schönreden, Milch-und-Honig-Hoffen, ein eigentlich noch nicht dranseiender guter Zustand von Urglück und Harmonie. Woher das Ganze? Keine Ahnung. Es ist einfach da, summt als Grundmelodie in mir und um mich herum. Vielleicht lenkt es mich auch. Und wenn ich gelöst genug bin, lasse ich mich da hineintreiben. Es wird schon, sei nicht so verzagt. Und wenn es nichts wird? Es wird schon! Sicher? Vielleicht ja anders als gedacht, las dich einfach mal los ...

Dann lasse ich mich einfach mal los, überlasse mich diesen Seltsamkeiten, in ihrer ganzen amicativen Wucht. Selbstliebe. Liebe als kosmische Kraft. Alles ein bisschen über Normal, ein bisschen high. Aber auch nicht verboten, und eigentlich doch auch wunderbar. Warum soll ich nicht zuversichtlich sein? Warum nicht einfach glauben, dass es gut ausgeht? Und wenn sie dann tatsächlich gut ausgehen, diese Kleinigkeiten des Alltags (Buch noch lieferbar, gerade pünktlich zum Vortrag, Reparatur schon erledigt, Päckchen geht noch mit, Weg doch gefunden), dann steht Dankbarkeit an, so ein kleines Dankeschön an das alles, was mich umgibt.

Ich bin in großer Tiefe zuversichtlich unterwegs. An der Oberfläche, in den Alltagsdingen wird es dünner, da ist es zweiflerischer. Macht aber nichts, darunter ist fester Grund. Gut zu wissen und gut zu spüren. Ein Tor, das da ist. Wenn man daran glaubt. Und durch das man gehen kann. Wenn man sich denn lässt. Da ich mir ganz und gar selbst gehöre, entlasse ich die gelernten Bedenklichkeiten aus meinem Herzen und folge diesem Frieden.



Weil das Uns-Mögen den Ton angibt

Im Familienseminar sind fünf Kinder zwischen 7 und 11. Das Seminarhaus ist im Wald, 400 Meter hinter der Bahnschranke. Genau dort aber wollen sie hin. Und den Automaten betätigen, damit sich die Schranke öffnet und sie im Ort dahinter herumstromern können. „Nein“, sage ich, „wir sind hier im Alten Forsthaus im Wald. Da gibt’s genug zu entdecken.“ „Wir können die Schranke bedienen, das ist ganz einfach. Und den Weg aus der Stadt finden wir auch zurück.“ Als ginge es darum!

Sollte nicht der Wald Attraktion genug sein? Und was soll das dauernde Nintendogespiele, wo draußen die Natur wartet? Ich bin genervt. Wegen der Offensichtlichkeit bei Schranke und Stadt, wegen der Offensichtlichkeit bei Nintendo. Die Schranke hat keine Chance, mein Nein ist klar. Klar ist aber auch, dass sie vorhin schon durch und im Ort waren. „Schlimm genug“, ärgere ich mich. Das ganze Szenario von Zermalmt bis Verlaufen und Entführt – beeindruckt nicht. „Wir kommen zurecht.“ Und: „Nintendo macht doch Spaß.“ Und ob ich auch mal will.

Außerdem gibt’s hier einen kleinen Teich. Die Molche und Kaulquappen werden herumgeschleppt, gefüttert, gestreichelt. „Sofort in den Teich mit den Tieren.“ Widerwillig tun sie es. Und dann noch: „Wir wollen ein Kinder-Nachtlager machen.“ Kein richtiger Schlaf, morgen quengelige Kinder, Krach, und überhaupt. Leute – was soll das werden?

Dann gehe ich mit zwei der Kinder los. Sie sollen mir genau den Weg in die Stadt zeigen, den sie vorhin gegangen sind. Weil die anderen immer noch nicht da sind und ich sie auftreiben will. (Die waren dann im Wald bei der Schaukel.) Und natürlich können sie den Schrankenautomaten bedienen und natürlich finden sie sich in dem völlig fremden Ort zurecht. Auf dem einstündigen Weg durch Schranke und Stadt komme ich dann mehr und mehr zur Ruhe und kann sie mehr und mehr so sehen, wie sie sind: souverän, lebensfroh, herrlich. Meine Gelassenheit kehrt zurück, ich kann mich einschwingen und ihre erwachsenenbedenken-freie Kraft spüren. So allein das alles managen: das ist es!

Na ja, meine Bedenken bleiben richtig. Ja – aus meiner Erwachsenensicht. Jeder hat seine, ist schon klar, Theorie-Grundkurs. Und die Kinder, auch diese Kinder, haben eben ihre Sicht: souverän, selbstverantwortlich, sich selbst gehörend. Es tut mir gut, die Achtung vor ihrer Sichtweise wieder in mir zu spüren und wieder wertschätzen zu können. Wir kommen über all das sehr vertraut ins Gespräch, haben eine gute Stunde und nach dem Gang ist aller Ärger verflogen. Was ja nicht heißt, dass ich nicht auch auf mich achte. „Nein, das Spielgelände endet vor der Schranke. Und die Tiere bleiben im Teich.“ Der Nintendo soll mir gestohlen bleiben, das Nachtlager kann stattfinden. 

Und weil ich sie nicht ausgemeckert, herabgesetzt und für blöd erklärt habe, weil ich sie hinter meinem Ärger wieder gefunden habe, weil das Uns-Mögen den Ton angibt, klappt alles bestens bis zum Schluss. Keine Schranke, fast keine Molche und Quappen, Fröhlichkeit trotz und wegen des Nachtlagers, viel Wald und viel Nintendo – eine wirklich schöne Zeit.  


Was bedeutet »Selbstverantwortung«?

Was bedeutet eigentlich »Selbstverantwortung«? Es wird eine klare Antwort erwartet. Ich gebe sie: »Selbstverantwortung ist, wenn jemand selbstverantwortlich ist. Wenn er, nicht ein anderer, für sich die Verantwortung trägt.« Ist die Antwort zu dünn? Unscharf? Unsinnig?

Ein Beispiel wird bemüht: Das Auto fährt einem Fußgänger das Bein ab. Ist da Selbstverantwortung im Spiel? Ist der Fußgänger dafür selbst verantwortlich, dass das Bein ab ist? Natürlich nicht! Oder? Wer ist dafür verantwortlich, dass der Fußgänger an dieser Stelle war? Musste er dort sein? Wer ist dafür verantwortlich, dass dieser Fußgänger überhaupt existiert? Ohne Fußgänger kein Bein ab! Seine Eltern? Das genetische Programm »Mensch«? Adam und Eva? Gott? Und wer ist für das Auto verantwortlich? Ohne Motor würde das Auto nicht fahren. Wer stellte den Motor her? Wer gewann das Eisen des Motors aus dem Berg? Wieso hatte dieser Berg überhaupt Eisen? Wo kam der Berg her? Woher kommt die Erde? Ist das Auto selbstverantwortlich? Ist der Fußgänger selbstverantwortlich? Ist der Motor selbstverantwortlich? Ist das Bein selbstverantwortlich?

Was soll das? Gegenfrage: Worum geht es Dir, wenn Du nach der Selbstverantwortung fragst? Um Klarheit? Um Wahrheit? Um Macht? Um das bessere Wissen? Gibt es besseres Wissen? Ach ja? Woher die Weisheit? Zurück auf den Boden der Tatsachen!

Noch ein Beispiel. Jetzt eins, wo es kein Ausweichen gibt. Klare Situation:
Der Räuber Hotzenplotz schlägt Kasperls Großmutter nieder. Großmutter hat einen Bluterguss. So: Wer ist für den Bluterguss verantwortlich? Klar: Hotzenplotz. Oder sein Stock? Oder der Mann, der den Baum pflanzte, von dem der Stock ist? Ist Großmutter für ihren Bluterguss selbst verantwortlich? Ihre Haut? Ihr Blut?... Nicht schon wieder dieser uferlose Unsinn!

Wer sagt, was Sinn ist? Der gesunde Menschenverstand! Wer hat den? Der, der sagt, dass er ihn hat? Der Wissenschaftler vor dem Stammtischbruder? Der Europäer vor dem Afrikaner? Der Mann vor der Frau? Der Priester vor dem Laien? Du vor mir? Ich vor dir? Worum geht es eigentlich? Um eine klare Antwort auf eine einfache Frage. Was aber ist klar? Was ist einfach? Es geht schon wieder los ...

Es geht um etwas anderes. Um Kommunikation, um Beziehung, um Mit-Sein, um Austausch, um Sich-Erleben im Anderen, um: menschliche Existenz. Um das »Wer bin ich« und das »Wer bist Du« und das »Was ist die Welt« und das »Wer bin ich in der Welt« und so weiter. Es geht um eine existentielle Thematik. Jede Sachfrage hat dies als Untergrund. Es schwingt unter jeder Sachfrage Tausenderlei mit: Denkschulen, Religionen, Ängste, Träume, Traditionen, Machtfragen, Eitelkeiten, Hass, Liebe, Tod, Leben.

Der Sachbegriff »Selbstverantwortung« ist wie jeder andere Sachbegriff auch (Auto, Motor, Holz ...) eben nicht lediglich ein Sachbegriff. Und wer »Selbstverantwortung« nur so (sachlich) sehen und nur darüber ins Gespräch kommen will, legt vorher etwas fest: nur so (sachlich) darüber zu reden. Und diese Festlegung trifft er auf der existentiellen Ebene. Es gibt Begriffe (wie Auto, Motor, Holz), da wird die existentielle Ebene kaum eine Rolle spielen. Wir reden dann über Autos, sonst nichts. Tatsächlich? Wenn man über Autos redet, diskriminiert man allein dadurch, dass man Autos für der Rede wert hält, die Natur. Oder die Kinder, die von Autos gefährdet werden. Oder.

Wenn das Thema aber »Selbstverantwortung« heißt, und wenn zum Ausdruck gebracht wird, dass damit eine ganze kulturelle Ebene (die der Erziehung/des Patriarchats/der Hierarchie/der Moderne/...) verlassen wird, wie kann da eine einfache Antwort helfen?

Wie kann man über Amication ins Gespräch kommen, in ein Gespräch, das fruchtbar ist? Fruchtbar für wen? Für mich, für Dich. Wollen wir über die Thematik von Existenz (meiner) und Existenz (Deiner) ins Gespräch kommen? Wollen wir uns überhaupt als Personen begegnen (oder als Verstandescomputer, personenneutral? Und geht so was überhaupt...)?

Was willst Du von mir, wenn Du mich fragst: »Was bedeutet eigentlich ›Selbstverantwortung‹?« Auf welchen Pfaden wandelst Du? Sachlich – gibt es nicht, jedenfalls nicht so, nicht bei dieser Frage, die ja mit der gesamten postmodernen und amicative Sicht zu tun hat. Willst Du mit mir ein Stück gemeinsame Lebenswegstrecke gehen, und wir teilen uns mit, was wir rechts und links sehen? Oder willst Du sagen, was wirklich ist, und ich sollte das einsehen?

»Selbstverantwortung« ist ein praller Begriff, prall voll Leben. Er ist ein sehr gutes Eingangstor in die amicative Welt. Niemand muss ihn nutzen. Niemand muss zu diesem Tor gehen, niemand es durchschreiten. Aber man kann all das tun. Sich entscheiden im Unendlichen: Ich bin.

Es geht mir, wenn ich mit einem anderen Menschen zu tun habe, um Kommunikation. Um Ich-Du. Um Existentielles. Die Sachfragen, die wir erörtern (z.B.: Was ist Selbstverantwortung?), sind auch interessant. Auch. Wie lassen sich Sachfragen erörtern? Viele Antworten. »Sachlich« ist eine. Eine! Von vielen. Die richtige? Für Dich richtig? Was ist für mich richtig? Steht die Sache über der Person? Gibt es Sachen unabhängig von Personen? Gibt es die Welt unabhängig von mir? Gibt es draußen, außerhalb von mir, Wirklichkeit? Wer sagt das? Gibt es nur Wirklichkeit in mir? Mache ich – wie jeder Mensch – die Wirklichkeit? Wer sagt, dass das richtig (was ist das?) ist?

Es gibt Bilder, die das einfangen, was ich sagen will: das Bild vom Mosaik, vom Mandala, von der Kontingenz. Wenn wir mit jemandem über Amication ins Gespräch kommen, entwickelt sich ein feines Gewebe im Hin und Her. Wir zeigen dem Neugierigen etwas von unserer Sicht der Dinge. Mal versteht er, mal nicht, mal ist Nähe, mal Distanz spürbar. Kommunikation, auf vielen Ebenen. Unweigerlich kommt dann die Frage »Was verstehst Du eigentlich unter ›Selbstverantwortung‹?« Diese Frage und die Antwort und die Nachfrage und die Nachantwort und alle dann folgenden Hin und Her sind wie eine Wasserscheide: »Kommst Du mit? Was willst Du? Du kannst jederzeit wieder gehen. Hier bin ich: Ich bin auch auf Dich neugierig. Was Du dazu meinst, zu dem, was mir wichtig ist – zu dem der ich bin – zu mir. Und zu meiner Art, die Welt zu sehen und mich darin zurechtzufinden. Und zu Dir, wer Du bist, und zu Deiner Art.«

Eine klare, knappe Definition zu »Selbstverantwortung« wäre schal, dürr, leblos: chancenlos, etwas von dem zu vermitteln, was mir wichtig ist. Also: Auf ins Gespräch! In die Begegnung! In das Abenteuer Ich-Du. Unsere Beziehungen zu Kindern sind Abenteuer-Beziehungen. Ich-Du-Beziehungen. Personale Begegnungen. Voll Authentizität, Kongruenz, Ehrlichkeit. Eben: Existentiell. Sie sind fruchtbar, konstruktiv, hilfreich. Genau so sind die Gespräche, die vor, am und hinter dem Tor »Selbstverantwortung« stattfinden.



Wartezimmer und Jetzt

Wartezimmer. Warten worauf? Auf alles und jedes. Klassisch: den Zahnarzt. Höher: das Glück, das wahre Leben, wieder gesund werden, den Traumpartner finden, im Lotto gewinnen. Etwas tiefer: die Ferien, das Wochenende, den Tatort, die bestellte Pizza, das Haaretrocknen, die Parklücke. Wir sind da viel unterwegs, in dieser Wartezimmerei. 

Wie oft und wie lange bin ich in Wartezimmern unterwegs? Es ist Winternachmittag, ich jogge. Ich bin draußen und sehe die Natur um mich herum. Bäume und Sträucher in ihrer Sinfonie der  Winteräste. Warten sie auf den Frühling, die Äste auf ihre Blätter? Bäume warten nicht, sie sind. Und jetzt sind sie im Winterzimmer, ohne Warterei. Ich übertrage das auf meine Wartezimmer, meine großen und kleinen. Das Zimmer - der Raum, in dem ich mich konkret befinde -  ist, jetzt, real, ohne Warten. Ich frage nach, wer ich bin. Ich bin hier, jogge und sehe die Bäume. Winter- und Joggingzimmer. Und warte gleichzeitig auf meine großen und kleinen Wunder. 

Aber ich übersehe gerade nicht, dass bei aller Warterei (Arzt, Glück, Partner, Lotto, Parklücke, Pizza) der Warteraum, in dem ich gerade unterwegs bin, die Realität ist. Und voller Realität ist. Ich kann die anderen Dinge, Gegebenheiten, Wesen wie die Bäume um mich herum auch als etwas bemerken, das mit mir in Beziehung treten kann, will, mit dem ich in Beziehung sein kann. Ich kann aus dem Über-Mir, dem gerade stattfindenden über der realen Welt schwebenden Wolken-Wartesein herauskommen, herabsteigen in die weite Ebene des Jetzt. Und dann sehe ich die Dinge um mich herum in ihrer Jetztheit und wende mich ihnen zu. 

Das Wartezimmer verlassen ohne die Wünsche aufzugeben. Aber in einer guten Balance halten.  Dem Hier und Jetzt Gewicht geben, die Winterbäume sehen und merken, wie ihre Astbilder in mir Resonanz auslösen, Kommunikation bewirken. Betrachten. Erinnern, Hören, Öffnen für die ganze reale wartefreie Welt. 

In wie viele Wartezimmer sind wir gesetzt? Von Kindheit an, tausend Dringlichkeiten. Wunsch, Hoffnung, Sehnsucht. Ja,  gibt es. Und läuft leicht aus dem Ruder, wird zu mächtig. Dieser ganze Wartezimmergroßraum kann eine vernebelnde Macht haben: das, was gerade ist, nicht mit dem Gewicht zu bedenken, das aber doch bedacht werden kann, könnte. Wegen dieser Zielbannung verfehle ich dann den Boden, auf dem ich mich bewege, und all das, was auf diesem Boden um mich herum da ist.

Heute Nachmittag bin ich so von der Natur angefragt, dass ich nicht auf das Ende meines Joggens, die anschließende Gymnastik und das Erfüllen aller anderen Lebens-Warte-Punkte warte, sondern dass ich mich bei meiner Laufbewegung in das Jetzt begebe und den Ball aufnehme. Und durchatme: Ich bin, jetzt. Wartesouverän. Und kann bemerken, was noch alles ist, jetzt. Eine übergroße Vielfalt und Fülle. Die Bäume und Sträucher und alles, was folgt. Die Schwäne, die Gänse, die Wolken, die Schneeflocken.

Neugierig und vorsichtig drehe ich mich um, das Wartezimmer, nicht das Warten ist jetzt meine Realität. Der Raum gerät in meinen Blick, wird erkennbar: wo bin ich jetzt und wer bin ich jetzt? Ich nehme das alles an und entlasse mich mit Freude zu den Bäumen und Sträuchern mit ihren Winterästen. Und die Wünsche? Sie sehen zu und stören nicht. Sie sind entspannt. Alles zu seiner Zeit.
   

Warten

„Ich warte.“ Die Kinder sollen bitte sehr aus dem Auto steigen, es geht zum Einkaufen. Aber sie spielen weiter mit einem alten Handy rum. Ich bin ausgestiegen und warte. Ungern. Ungerner. Noch ungerner. Ich öffne unsanft ihre Aussteigetür. Dann kommt endlich Bewegung ins Feld. Einer steigt aus. Der andere noch nicht. Mein Warten wird schwer, explosiv. Dann kommt auch der zweite. Der Weg zum Geschäft ist lastig, wartelastig. Jedenfalls nicht unbeschwert und heiter. Die Sonne scheint zwar, aber nur am Himmel.

Wieso kann ich nicht warten? Einfach da sein und warten? Was bremst mich aus? Ich bin heute Vormittag gern mit den Kindern in der Stadt. Wir haben etwas vor, Einkaufen und mal sehen. Doch ihr Nichtaussteigen vertreibt die Leichtigkeit des Seins.

Warten  - welch grandioses Thema. Eine Lebensthema. Auf alles und jedes und jede und jeden wird gewartet. Dass er/sie/es kommen möge. Nicht kommen möge. Dass es vorbei ist. Dass es nicht vorbei ist. Endlos, uferlos. Und immer wieder mit diesem unangenehmen Ton dabei.

Wenn ich gut bei mir bin, mit den Wolken fliege oder die Sonne genieße, dann gelingt das Warten. Dann könnte ich die Kinder in ihrem Spiel sehen, auch jetzt, wo sie nicht aussteigen. Sie sind doch in der Freude, in ihrem Spiel eben. Was muss ich das stören, zerstören durch meine Pläne, meine Eile, meine Ungeduld? Warum muss es jetzt nach mir gehen („raus jetzt, sofort“) und nicht nach ihnen („gleich, wir sind noch nicht fertig“)? 

Ich bin da irgendwie auf ein ungutes Gleis geraten. Wirklich eilig ist es nämlich natürlich sowieso und niemals nicht. Ich sinne nach. Und merke, dass ich mich nicht ernst genommen fühle. Dass ich mich von ihrem Spiel herabgesetzt fühle. Ausgebremst fühle. Blöd dastehe. So neben der offenen Autotür, mit dem Einkaufsbeutel in der Hand. Das ist ganz schön absurd, skurril, grotesk. Was macht sich da in mir breit?

Alte selbst erlittene Kindersachen. Gedrängt zu werden. Dauernd gedrängt zu werden. Von den Wichtigkeiten und Notwendigkeiten und Sowiesoigkeiten der Erwachsenen. Alles hatte aufzuhören, wenn die Großen am Zug waren. Sie warteten nicht. Sie erwarteten. Dass ich nämlich in die Spur komme. So, wie sie sich das wünschten, so ganz selbstverständlich, als Umgangsform von Groß und Klein. Wenn die Großen sagten, was zu passieren hatte, dann war ich am Zug, das auch zu tun. Sofort.

So gingen und gehen Erwachsene mit Kindern eben um, als banale Basis. Erwachsene warten nicht auf Kinder. Es ist der Grundstandard. Ohne Worte. Wenn das Auto anhält, ich aussteige, dann steigen die Kinder auch aus. Handy aus und raus. Jedes Warten ist da unpassend, öffnet die Tür zum   Unterordnen der eigenen Wichtigkeiten unter den Kram der Kinder. Kann man nicht durchgehen lassen. Führt ins Chaos. Ist völlig alltagsuntauglich.

Ich bin immerhin heute auf einer Zwischenstation angekommen. Ich kann es aushalten, bis sie kommen. Werde nicht massiv und so. Aber es ist sehr schwer. Immerhin kann ich sehen, was sie tun: sie spielen, sie spielen ja. Sie sind nicht irgendwie aufsässig. Sie spielen ja nur. Und genau dieses Merken erreicht mich dann beim Gehen zum Geschäft, wie der Zauberglanz der Sonne.

Es kommt an. Die Freude des Spielens, die Schmetterlinge aus dem Auto, das Glück des Handyspiels. Die Melodie des Lebens dringt bis zu mir vor, lacht mich an. Ich beruhige mich. Und dann kann ich stehen bleiben, als sie sich einem Bettler zuwenden, der am Boden sitzt. Ich warte. Er spricht sie an, sie sehen zu mir, und ich gebe ihnen etwas für ihn. Sie freuen sich über sein „Danke“ und seinen freundlichen Blick. 

Habe ich es nicht eilig? Das hat sich erledigt. Ich warte. Und genieße die drei Menschen vor mir, wie sie miteinander zu tun haben, die Kinder und der Bettler. Ich werde beschenkt. Das Warten öffnet Zwischentore für Orte, die nicht vorgesehen aber dennoch da sind,  voller Wunder und Geschenke.



Von Wegen und Zielen

Der Wege Zahl ist nahezu unendlich. Welchen Weg soll ich gehen? Doch sind die Ziele denn klar? Das ist ja oft der Fall. Dann will ich ins Kino oder in den Wald oder an den Schreibtisch. Oder ich will mit den Kindern etwas unternehmen. Oft ist es aber auch einfach unklar. Im Detail oder überhaupt. Will ich diesen Job noch? Bringt's diese Beziehung denn? Was soll ich die nächsten freien Stunden anfangen? Brauche ich dieses und jenes wirklich?

Was gibt Orientierung? Was gibt Halt? Auf welchem Weg bin ich eigentlich in meinem Leben, und wohin? Kleine Fragen zum Tag und große Fragen zum Sinn sind um uns herum. Wenn man sie sehen könnte, wäre der Raum voller Farbe. Ich bin der Mittelpunkt des Universums. So weit, so gut. Aber der ist ja nicht unbeweglich, sondern Dynamik des Lebens. Mal ruhend, mal rasant.

Wer weiß schon, wo die Reise letztlich hingeht? Gibt es ein wirkliches Ziel für den Lebensweg? Stolpern wir nicht nur durchs Gestrüpp der unzähligen großen und kleinen Ereignisse und Gegebenheiten? Lässt sich da ein Weg ausmachen, einer, der halbwegs in eine erkennbare Richtung weist?

Man muss sich über dieses ganze Weg- und Zielszenario ja keine Gedanken machen. Aber man kommt doch immer wieder dazu. Silvester ist dafür sehr geeignet. Aber auch sonst. Auf den Vorträgen über den Umgang mit Kindern erlebe ich die Eltern oft als Unkundige. Unkundig über den richtigen Weg zu den Kindern. Sie gehen aber davon aus, dass es einen solchen guten Weg gibt, und sie hätten von mir gern gewusst, wo er denn ist. 

Ich erzähle dann von meinem Weg zu den Kindern. Von der gleichen Augenhöhe, von mir als Ausgangspunkt der Beziehung. Davon, dass im Zusammensein mit den Kindern eben auch mein Montag, mein Abend, mein 31. oder 42. oder 53. oder 64. Jahr verstreichen. Statt auf den Weg zu starren, den sie nicht finden können, lasse ich sie auf sich selbst sehen. Auf das Kind, das ihnen zuallererst anvertraut ist. Von daher können sie dann mit neuem Blick zu ihren Kindern schauen.

Wir sind uns anvertraut. Vom Leben, von der Liebe. Das ist erst mal eine Grundorientierung. Hier bin ich! Was immer ich bin, auch das weiß ja letztlich niemand. Was wir für Wesen sind?  Ich merke, dass ich existiere. Illusion? Ich finde statt: und das ist ja schon mal eine ganze Menge. Muss eigentlich mehr sein? Das Mehr, das, was um mich herum komponiert ist, wird sich nicht vermeiden lassen. Und ist ja auch willkommen. Schau'n wir mal, wie ich mich darauf einlasse.

Wege? Ziele? Na ja, das sind zwei von diesen zig Phänomenen, die auf mich einstürmen. Reicht es nicht, wenn ich da einfach mal herumstreiche und mir das alles so ansehe und mit vorsichtigen Katzenpfoten dies und das berühre? Wieso wegt und zielt es so unerbittlich in uns? Lassen wir doch die Wege und Ziele sich selbst gehören, so, wie wir uns gehören. Muss ich die Marionette von Wegen und Zielen sein?

In der ganzen Rastlosigkeit des Tages und des nächsten Tages und des übernächsten Tages kann man sich auch mal anhalten und es gut sein lassen. Sich einfach auf eine Bank setzen oder rausgehen. „Ich ging im Walde so für mich hin.“ Und gut. Die Eltern vergessen wie wir alle, dass es einfach ausreicht, stattzufinden. Anderes ist sowieso nicht möglich, nur dass wir meinen, es müsse mehr sein als das Augenblickliche. Es müssten Wege gefunden werden und Ziele aufscheinen. Ja, wer da so jemand sein will! Und es könnte ja auch Freude machen, als Pfadfinder unterwegs zu sein. Man muss nicht nur gestresst an den Strippen unserer Wege-Ziel-Kultur hängen.

Haben wir als Kinder Wege und Ziele gehabt? Schon mal, aber grundsätzlich galt etwas anderes als Modus vivendi: wir waren einfach bei uns. Und in diesem Ich-bin gelangten wir hierhin und dorthin und überdorthin, so, wie es sich ergab. Spiel genannt. Das muss man sich nicht aus der Hand und der Seele winden lassen, nur weil man groß und erwachsen wird und geworden ist. Das Leben als dieses Verwobensein von Spiel und Spiel und Spiel. Das ist eine entspanntere Art, mit sich umzugehen, als nach dem rechten Weg zu suchen und die wahren Ziele einzufordern. 

Wenn ich die Eltern so auf sich selbst zurückführe, sind sie erstaunt. Natürlich kennen sie das, jeder von uns war als Kind in diesem Immer-wieder-Glück. Darf man so mit seinen Kindern unterwegs sein? Was ist mit den Wegen und Zielen? Jeder gehört sich selbst, und nichts steht über uns, auch keine Wege und keine Ziele. Dass diese Ichstärke nicht egoistisch macht, sondern empathisch, erklär ich dann schon. Selbstliebe schaut nach dem Nächsten.

Es ist ein großes Misstrauen da, dass es ohne unsere Anstrengungen nichts wird. Alles. Die Kinder, die Partnerschaft, Ich. Vertrauen ist aber nicht verboten, es ist möglich und eine Einladung: sich fallen zu lassen in den Tag, zu den Kindern, zum Partner. Die anderen sind ja da, und ihr Dasein fängt mich auf. Dieser Planet existiert, und er trägt mich. So wie jeden Baum und jede Nachtigall. Die unsichtbare Kraft, die das alles trägt, ohne Wege und Ziele. Ich kann sie in mir sich bilden lassen, und mich dieser Bildung anvertrauen. Ich kann mir Liebe als Grundprinzip des Kosmos einbilden und es mir leicht machen.

Reicht eine solche Basisvermutung? Wofür? Für das Leben? Den Umgang mit den Kindern, dem Partner, der Welt? Wer will wissen, was reicht? Was für mich reicht? Muss ich das wissen? Wege, Ziele, ja mei, was noch alles. Ich suche mir aus dem großen Angebot des Existenztopfes das heraus, was mir gefällt, souverän wie ich bin. Lese ein Buch oder eben keins. Menschen gibt es seit drei Millionen Jahren. Bücher für den Umgang mit Kindern, mit dem Partner, mit sich selbst – ja, die gibt es auch. Aber niemand braucht sie wirklich zum Leben.

Die Besucher in den Vorträgen und Seminaren wollen Sicherheit. Ein Fachbuch steht für die Gedanken eines Experten und für einen Weg und ein Ziel. Da hätten sie gern mehr davon. Und da sind sie nicht allein! Wen gibt es schon, der keine Bücher (Gedanken der anderen) für den eigenen richtigen Weg zum Glücksziel in die Hand nimmt? Sind meine Texte nicht auch von dieser Art? Ja schon, aber puste in die Seiten, denk ein bisschen nach und las es gut sein. Man kann nichts wirklich falsch machen. Also hört man sich mal um, aber nur so, und dabei gibt es ja auch immer wieder Schönes zu entdecken, auch Wege und Ziele. Nicht als Last, sondern zur Freude.

Winter, Schnee. Zwischen zwei Bäumen, Materie gewordener Konstruktivität in knorrigen Stamm und majestätisches Geäst, ist Luft. Man sieht nichts. Ich sehe dazwischen. Ich sehe zwischen diesen beiden kosmischen Boten in gleicher Weise diese grandiose Konstruktivität, sie ist überall und mal mehr, mal weniger anfassbar. Einbildung, klar, aber ich forme da etwas in mich, so wie ich das will. Und dann fahre ich in dieser großartigen Schneelandschaft der Liebe mit meinem Schlitten herum, dass es nur so stiebt. Bis ich wieder anhalte und anderes mache.

Lassen wir uns nicht verrückt machen von diesen Wege- und Ziele-Anforderungen. Gemach, gemach. Ich bin da, die Kinder sind da, der Partner ist da, das Leben ist da. Das reicht. Der Rest kommt dann schon. Und wenn es denn wirklich Wege gibt, die zu wirklichen Zielen führen: kann ich ja auch gehen, schließlich habe ich Füße und Gedanken. Aber das alles bleibt meins. Meine Wege. Meine Ziele. Mein Spiel. Und meine Freude.



Wachsen mit der Amication

Auf den Seminaren des Freundschaft mit Kindern – Förderkreis e.V. entwickelt sich eine eigene  emotionale Atmosphäre, unverwechselbar. Die Seminarteilnehmer erschaffen diese besondere Atmosphäre beiläufig. Sie basiert auf dem amicativen Konsens aller Teilnehmer, Amication  steht in ihrer Gesamtaussage Pate. Das Zusammentreffen und Zusamensein von Menschen, denen die Amication wichtig ist, enthält eine besondere Kraft. Sie wird von allen wahrgenommen und ist ein wertvoller Gewinn. Wie alle emotionalen Dinge ist auch die amicative Psychodynamik mit Worten nur am Rande einzufangen, sie will erlebt sein. Und sie schwingt nach dem Ende der  Seminare in jedem Einzelnen nach.

Vom Erleben der amicativen Psychodynamik

Was geschieht mir?

Die amicative Energie wird im Alltag der Familienseminare erlebt, im Zusammensein der Erwachsenen untereinander und im Umgang mit den Kindern. Intensiv entfaltet sich diese Energie in den abendlichen psychodynamischen Gruppensitzungen, dem Selbst-Verantwortungs-Training, Bestandteil jedes Seminars. Die speziell eingerichteten Erlebnisseminare „Selbst-Verantwortungs-Training“ fokussieren die Kraft amicativer Psychodynamik in großem Maße.

Beispiele (Erleben)

Vertrautheit – nichts falsch machen können – Rücken stärken – Klarheit finden - sich uneingeschränkt akzeptiert fühlen – nichts wird wirklich übelgenommen – sich nicht dauernd kontrollieren müssen – kontinuierliches Angenommenheitsgefühl und dauernde Wertschätzung – Zeit ohne Vorwürfe – aus der Verhärtung kommen – mehr Vertrauen in den eigenen Lebensprozeß finden – sich mit sich selbst wieder mehr anfreunden –  mit sich selbst mehr übereinstimmen – Zuversicht gewinnen – das Leben wieder als Freund erfahren – zu seiner Dankbarkeit zurückfinden – die Geschenke des Lebens wieder sehen

Vom Wirken der amicativen Psychodynamik

Was nehme ich mit?

Aus dem Erleben und Fühlen des amicativen So-Seins ergeben sich vielfältige Wirkungen für den einzelnen Seminarteilnehmer. Alle nehmen etwas Eigenes von den Seminaren mit. Sie wachsen mit der Amication in ihrer Selbstliebe und ihrer sozialen Kompetenz.

Beispiele (Mitnehmen)

Mehr Klarheit für den eigenen Weg – mehr Kraft für schwierige Lebenssituationen – mehr Vertrauen zu sich selbst – mehr Glauben an sich selbst – mit neuem Schwung in den Alltag und den Berufsalltag – mehr Mut, anstehende Veränderungen anzugehen – sich trauen, wieder mehr Wünsche an das Leben zu stellen – die Beziehung wieder liebevoller sehen – sich wieder mehr auf die Kinder freuen – Glücksgefühle wieder zulassen – belastende Gewohnheiten ablegen – sich das Chefgefühl zurückholen – Mut, eigene Belastungen aufzuzeigen und stärker Nein sagen zu können – Mut, zu den eigenen Wahrheiten zu stehen, ihnen nachzuspüren und sie auszusprechen –  mehr Kraft, wieder für sich Verantwortung zu übernehmen

       

Von Wegen und Zielen

Der Wege Zahl ist nahezu unendlich. Welchen Weg soll ich gehen? Doch sind die Ziele denn klar? Das ist ja oft der Fall. Dann will ich ins Kino oder in den Wald oder an den Schreibtisch. Oder ich will mit den Kindern etwas unternehmen. Oft ist es aber auch einfach unklar. Im Detail oder überhaupt. Will ich diesen Job noch? Bringt's diese Beziehung denn? Was soll ich die nächsten freien Stunden anfangen? Brauche ich dieses und jenes wirklich?

Was gibt Orientierung? Was gibt Halt? Auf welchem Weg bin ich eigentlich in meinem Leben, und wohin? Kleine Fragen zum Tag und große Fragen zum Sinn sind um uns herum. Wenn man sie sehen könnte, wäre der Raum voller Farbe. Ich bin der Mittelpunkt des Universums. So weit, so gut. Aber der ist ja nicht unbeweglich, sondern Dynamik des Lebens. Mal ruhend, mal rasant.

Wer weiß schon, wo die Reise letztlich hingeht? Gibt es ein wirkliches Ziel für den Lebensweg? Stolpern wir nicht nur durchs Gestrüpp der unzähligen großen und kleinen Ereignisse und Gegebenheiten? Lässt sich da ein Weg ausmachen, einer, der halbwegs in eine erkennbare Richtung weist?

Man muss sich über dieses ganze Weg- und Zielszenario ja keine Gedanken machen. Aber man kommt doch immer wieder dazu. Silvester ist dafür sehr geeignet. Aber auch sonst. Auf den Vorträgen über den Umgang mit Kindern erlebe ich die Eltern oft als Unkundige. Unkundig über den richtigen Weg zu den Kindern. Sie gehen aber davon aus, dass es einen solchen guten Weg gibt, und sie hätten von mir gern gewusst, wo er denn ist. 

Ich erzähle dann von meinem Weg zu den Kindern. Von der gleichen Augenhöhe, von mir als Ausgangspunkt der Beziehung. Davon, dass im Zusammensein mit den Kindern eben auch mein Montag, mein Abend, mein 31. oder 42. oder 53. oder 64. Jahr verstreichen. Statt auf den Weg zu starren, den sie nicht finden können, lasse ich sie auf sich selbst sehen. Auf das Kind, das ihnen zuallererst anvertraut ist. Von daher können sie dann mit neuem Blick zu ihren Kindern schauen.

Wir sind uns anvertraut. Vom Leben, von der Liebe. Das ist erst mal eine Grundorientierung. Hier bin ich! Was immer ich bin, auch das weiß ja letztlich niemand. Was wir für Wesen sind?  Ich merke, dass ich existiere. Illusion? Ich finde statt: und das ist ja schon mal eine ganze Menge. Muss eigentlich mehr sein? Das Mehr, das, was um mich herum komponiert ist, wird sich nicht vermeiden lassen. Und ist ja auch willkommen. Schau'n wir mal, wie ich mich darauf einlasse.

Wege? Ziele? Na ja, das sind zwei von diesen zig Phänomenen, die auf mich einstürmen. Reicht es nicht, wenn ich da einfach mal herumstreiche und mir das alles so ansehe und mit vorsichtigen Katzenpfoten dies und das berühre? Wieso wegt und zielt es so unerbittlich in uns? Lassen wir doch die Wege und Ziele sich selbst gehören, so, wie wir uns gehören. Muss ich die Marionette von Wegen und Zielen sein?

In der ganzen Rastlosigkeit des Tages und des nächsten Tages und des übernächsten Tages kann man sich auch mal anhalten und es gut sein lassen. Sich einfach auf eine Bank setzen oder rausgehen. „Ich ging im Walde so für mich hin.“ Und gut. Die Eltern vergessen wie wir alle, dass es einfach ausreicht, stattzufinden. Anderes ist sowieso nicht möglich, nur dass wir meinen, es müsse mehr sein als das Augenblickliche. Es müssten Wege gefunden werden und Ziele aufscheinen. Ja, wer da so jemand sein will! Und es könnte ja auch Freude machen, als Pfadfinder unterwegs zu sein. Man muss nicht nur gestresst an den Strippen unserer Wege-Ziel-Kultur hängen.

Haben wir als Kinder Wege und Ziele gehabt? Schon mal, aber grundsätzlich galt etwas anderes als Modus vivendi: wir waren einfach bei uns. Und in diesem Ich-bin gelangten wir hierhin und dorthin und überdorthin, so, wie es sich ergab. Spiel genannt. Das muss man sich nicht aus der Hand und der Seele winden lassen, nur weil man groß und erwachsen wird und geworden ist. Das Leben als dieses Verwobensein von Spiel und Spiel und Spiel. Das ist eine entspanntere Art, mit sich umzugehen, als nach dem rechten Weg zu suchen und die wahren Ziele einzufordern. 

Wenn ich die Eltern so auf sich selbst zurückführe, sind sie erstaunt. Natürlich kennen sie das, jeder von uns war als Kind in diesem Immer-wieder-Glück. Darf man so mit seinen Kindern unterwegs sein? Was ist mit den Wegen und Zielen? Jeder gehört sich selbst, und nichts steht über uns, auch keine Wege und keine Ziele. Dass diese Ichstärke nicht egoistisch macht, sondern empathisch, erklär ich dann schon. Selbstliebe schaut nach dem Nächsten.

Es ist ein großes Misstrauen da, dass es ohne unsere Anstrengungen nichts wird. Alles. Die Kinder, die Partnerschaft, Ich. Vertrauen ist aber nicht verboten, es ist möglich und eine Einladung: sich fallen zu lassen in den Tag, zu den Kindern, zum Partner. Die anderen sind ja da, und ihr Dasein fängt mich auf. Dieser Planet existiert, und er trägt mich. So wie jeden Baum und jede Nachtigall. Die unsichtbare Kraft, die das alles trägt, ohne Wege und Ziele. Ich kann sie in mir sich bilden lassen, und mich dieser Bildung anvertrauen. Ich kann mir Liebe als Grundprinzip des Kosmos einbilden und es mir leicht machen.

Reicht eine solche Basisvermutung? Wofür? Für das Leben? Den Umgang mit den Kindern, dem Partner, der Welt? Wer will wissen, was reicht? Was für mich reicht? Muss ich das wissen? Wege, Ziele, ja mei, was noch alles. Ich suche mir aus dem großen Angebot des Existenztopfes das heraus, was mir gefällt, souverän wie ich bin. Lese ein Buch oder eben keins. Menschen gibt es seit drei Millionen Jahren. Bücher für den Umgang mit Kindern, mit dem Partner, mit sich selbst – ja, die gibt es auch. Aber niemand braucht sie wirklich zum Leben.

Die Besucher in den Vorträgen und Seminaren wollen Sicherheit. Ein Fachbuch steht für die Gedanken eines Experten und für einen Weg und ein Ziel. Da hätten sie gern mehr davon. Und da sind sie nicht allein! Wen gibt es schon, der keine Bücher (Gedanken der anderen) für den eigenen richtigen Weg zum Glücksziel in die Hand nimmt? Sind meine Texte nicht auch von dieser Art? Ja schon, aber puste in die Seiten, denk ein bisschen nach und las es gut sein. Man kann nichts wirklich falsch machen. Also hört man sich mal um, aber nur so, und dabei gibt es ja auch immer wieder Schönes zu entdecken, auch Wege und Ziele. Nicht als Last, sondern zur Freude.

Winter, Schnee. Zwischen zwei Bäumen, Materie gewordener Konstruktivität in knorrigen Stamm und majestätisches Geäst, ist Luft. Man sieht nichts. Ich sehe dazwischen. Ich sehe zwischen diesen beiden kosmischen Boten in gleicher Weise diese grandiose Konstruktivität, sie ist überall und mal mehr, mal weniger anfassbar. Einbildung, klar, aber ich forme da etwas in mich, so wie ich das will. Und dann fahre ich in dieser großartigen Schneelandschaft der Liebe mit meinem Schlitten herum, dass es nur so stiebt. Bis ich wieder anhalte und anderes mache.

Lassen wir uns nicht verrückt machen von diesen Wege- und Ziele-Anforderungen. Gemach, gemach. Ich bin da, die Kinder sind da, der Partner ist da, das Leben ist da. Das reicht. Der Rest kommt dann schon. Und wenn es denn wirklich Wege gibt, die zu wirklichen Zielen führen: kann ich ja auch gehen, schließlich habe ich Füße und Gedanken. Aber das alles bleibt meins. Meine Wege. Meine Ziele. Mein Spiel. Und meine Freude.



Vom Positiven Großraum

Wir sind in Großräumen unterwegs. In großen Resonanzen, die uns durchdringen. Wer weiß, wie viele solcher Hintergrundmelodien es in uns gibt. Aber es läßt sich rasch überlegen, daß es da ein Paar gibt, zwei Seelenräume, die entgegengesetzt sind und doch zusammengehören. Der mit dem Pluszeichen und der mit dem Minuszeichen, der positive und der negative Großraum.

Es mag ja eine Zeit und eine Welt geben, in der diese Gegensätze nicht existieren. Wo Gegensätze zwar existieren, aber nebensächlich sind. Weil alles grundsätzlich konstruktiv gesehen wird, also auch das ganze Theater mit dem Minuszeichen zur Welt der Konstruktivität gehört. So was ist ja bekannt genug, und das bekommen wir ja auch immer wieder mal hin. Oder glauben, daß es so etwas gibt wie ein nicht in Gegensätze aufgeteiltes Universum, monumental, Liebe, wie auch immer.

Aber diese gegensätzlichen Großräume mit Plus und Minus sind auch unsere Wirklichkeit. Wo immer das auch herkommt, aus Kultur oder Genen. Und auf diesen Ozeanen sind wir im Alltag unterwegs. Wer steuert unser Schiff? Haben wir eine Chance, Einfluß zu nehmen? Den Raum zu verlassen, den wir nicht mögen, den negativen Großraum?

Wer entscheidet das? Amicative Menschen gehören sich selbst. Was ja die Frage ist. Aber wenn man mal davon ausgeht, oder dies für einen gewissen Prozentsatz annimmt, dann liegt es auch an uns, aus dem Minusraum zum Plusraum zu wechseln. Wenn es sich so zusammenreimt. Wenn wir das nicht übersehen. Wenn wir das für möglich halten. Wenn wir umschwingen können. Wenn wir uns vom bösen Blick befreien.

Wer kann das schon? Alles, was wir als unangenehm erleben, wird ja nicht durch einen Psychoumschwung der besonderen Art jetzt irgendwie ent-unangenehmisiert. Vielleicht sogar zu einer angenehmen Wohligkeit. Unangenehmes - also Ärger, Enttäuschung, Ängstlichkeit, Leid, Verzagtheit, Verstimmtheit, usw. usw. - durch eine psychische Großbewegung verlassen können: das wäre es ja.

Diese Zauberei gelingt aber immer mal wieder. Mit den dazugehörenden Kopfsprüchen wie „ist ja nicht so schlimm“ oder „mach mal halblang“ oder „das kann man ja auch anders sehen“. Und wenn das immer mal wieder gelingt, gibt es dann nicht auch eine Möglichkeit, solche Umschwingerei oft herbeizuleben, auch: immer öfter? Sie als Hintergrundmelodie nicht mehr zu überhören? Oder etwas weniger anspruchsvoll: immer wieder aufsteigen zu lassen, nach einer gewissen Zeit des Versackens im zähen Sumpf?

Sehr utopisch und unrealistisch, das Ganze. Negatives macht ja auch erst die Erfahrung und das Erleben des Positiven möglich. Und gehört dazu. Zum Leben und zu allem. Ja ja, die Sprüche sind bekannt. Aber sollen sie mich endlos begleiten in der Zeit meines langen Lebens? Es wird so viel auf dem Basar der Deutungsmöglichkeiten angeboten. Wem wollen wir glauben, wem folgen, wo uns festmachen?

Amication ist eine Einladung, sich im positiven Großraum aufzuhalten. Mehr noch: es ist die Botschaft, sich dort ansiedeln zu dürfen. Und wenn man das will, dort auch zu bleiben. Dort zu wohnen. Wir haben etliche Symbole dafür gefunden: „Jeder tut jederzeit sein Bestes“, „Ich liebe mich so wie ich bin“, „Ich bin Ebenbild Gottes“, „Ich bin Konstruktivität und Liebe“.

Wo will ich wohnen? Als Kinder haben wir von der Möglichkeit, im Plusraum zu Hause zu sein, kaum etwas gehört. „Was hast Du wieder angestellt!“ Schimpfkultur, Fehlerhaftigkeit, Mängelwesen: nicht schön, aber wahr. Wahr? Alles ist Interpretation. Wer aber interpretiert? Wer hat die Welt im Griff? Wer hat uns im Griff? Welche Schriften und welche Schriftgelehrten? Schon gut - natürlich können wir das erkennen und uns emanzipieren, uns als Deuter unseres Lebens und unserer Welt einsetzen. Zumindest können wir uns das vorsagen und dann auch glauben, daß das geht.

Das ist alles ja nicht so einfach, und die Widersprüche, die sich aus so einer Umsiedlung in den positiven Großraum ergeben, wollen ja auch wieder positivgroßräumig, also liebevoll gesehen werden. Wenn jemand mich als Leidzufüger erlebt, und ich das Leid des anderen, das durch mich bei ihm entsteht, wie er sagt, auch sehe („Wegen Dir geht es mir schlecht“) - wie läßt sich das als „Ausdruck meiner Liebe“ schönreden? Man kann das ja machen und sich die Wirklichkeit so verdrehen, wie und bis es paßt. Aber ist das erstrebenswert? Und auch noch voll Mitgefühl und Anteilnahme?

Klar ist es das! Wir können uns alles schönreden, wer will uns hindern? Warum Mißtrauen in diese Kunst? Wir bleiben bei uns und unserem Glauben an uns und unsere konstruktive und mitmenschliche Kraft. „Ich laß mir das nicht schlechtreden - ich laß mich nicht mehr schlechtreden“. Man muß ja nicht gleich abheben mit so einem Höhenflug. Man kann ja einfach ganz erdverbunden und realistisch in dieser Höhe leben, im Großraum Positiv. Jedenfalls ist das nicht verboten ... Es ist eine Option, die mein Nachdenken über mich und die Welt gefunden hat. Eine Option, die mich gefunden hat. Von der ich mich habe finden lassen.

Es ist immer die Frage, welcher Wahrheit oder welchem Schnickschnack man folgen will. Kräuter-Medizin, Hybridauto, Ökostrom, Mülltrennung, Smartphone, Antivirenprogramm, Bergtour, Flußfahrt - endlose Verlockungen. Oder wie bodenständig man sein will. Unterstützen statt erziehen. Statt erziehen? Geht’s noch? Gruselig oder seeligmachend. Wer will ich sein in dieser unendlichen Vielfalt postmoderner Gleichwertigkeit?

Wir entscheiden über unsere Wege. Zumindest glauben wir das, wenn wir amicativ unterwegs sind. Was soll mich also davon abhalten, meinen Wohnsitz im positiven Großraum anzumelden? Bei der zuständigen Behörde des Universums? Man kann zum Amt gehen und sich dort anmelden. Wohnt man dann dort auch? Als zweiter Wohnsitz gelingt mir das jedenfalls, ab und zu, immer öfter. Obwohl es ja mein erster Wohnsitz sein soll. Ich lege keinen Wert mehr auf dieses andere Land.

Es gelingt mir zu meiner Überraschung einfach immer wieder, Unangenehmes umzudeuten (in den positiven Großraum). Es bleibt dann zwar unangenehm, aber es fühlt sich anders an. Es hat nicht mehr diese Wucht. Es verliert seine Dramatik. Es verliert seinen nachhaltigen Einfluß auf mein Wohlbefinden. Ich kann Unangenehmes ruhiger sehen, mich entspannen und auch mit meiner Unangenehm-Reaktion nachsichtiger umgehen. Ich rufe mich dabei nicht zur Ordnung, es ist mir einfach möglich.

Darunter ist die Gewißheit, daß alles von einer grandiosen Konstruktivität ist. Daß alles seinen offenen liebevollen Weg geht. Amication hat als Grundidee diese Konstruktivität. Die jeder so ausfüllt, wie er das kann und leben will. Das kann auch das Umsiedeln in den positiven Großraum sein, manchmal, öfter oder auf Dauer.

Vom verwandelten Blick

Wir sehen. Die Welt. Mit den Augen, dem Herzen, den Bildern, den Farben, den Gedanken, der Fantasie, den Träumen und vielem mehr. Dieses Sehen ist fein gesponnen, gewachsen, es ändert sich oder bleibt gleich, es ist machtvoll, laut und leise, einheitlich und gegensätzlich. Es ist ein Teil unseres Selbst, es ist in uns und wir sind in ihm. Alles im Untergrund, mit grandioser Wirkung im Außen.

Nachmittags-Seminar, Tagesmütterausbildung, ich bin Gastreferent. Eine Teilnehmerin hat ihre Tochter mitgebracht, 16 Monate alt,  Renesmee. Ich beginne mit dem Vortrag, entfalte die amicative Welt. Renesmee erzählt von ihrer Welt, viel Aufmerksamkeit ist bei ihr. Ich sehe das Kind, und ich sehe, wie sie die Konzentration stört. Meine und die der anderen. Einige Mütter spielen mit ihr, reden mit ihr, sind bei ihr und nicht beim Vortrag. Das ganze ist nervig, aber auszuhalten. 

Ich erzähle vom „Wer ist Du?“ und vom „Wer bin ich?“, von Identität, Grenzen, Königskrone, Souveränität. Von Gleichwertigkeit, Augenhöhe, Selbstliebe und Co. Renesmee spielt mit dem Schlüsselbund und der Handtasche, bekommt Kekse und Fläschlein. Wer ist wichtig, richtig, darf sein? Was ist verabredet, Konsens, Dissens? Ich bekomme mit, dass viele zuhören, oder eben nicht. Ich höre nicht auf zu erzählen, breite weiter aus, zeige die Tür zur Amication. Renesmee nervt, ist aber auszuhalten.

Pause nach einer Stunde. Hab ich nötig. Die Leiterin entschuldigt sich. „Aber sonst hätte diese Teilnehmerin nicht kommen können.“ „Schon gut“, sage ich. Lege Bücher aus, entspanne mich. Welchen Blick habe ich auf die Kinder, die ich in meiner Erzählung leben lasse?  Nun ja,  den amicativen eben. Was sehen die Teilnehmerinnen, mit den Gedanken, mit dem Herzen? Sehen sie die Krone? Sehen sie sich als Missionare, die Kinder erst zu Menschen machen? Oder sehen sie sich als Gleichwertige, Kind unter Kindern, ein Leben lang? Haben sie überhaupt folgen können, bei so viel Renesmee?

Nach der Pause kommen wie immer die Fragen. Und meine Antworten. Wir haben einen großen Sitzkreis, 20 Mütter und ich. Und Renesmee. Während ich gefragt werde, bevor ich antworte, sehe ich das Kind. Ich höre die Fragen und habe Sehzeit, weil ich ja mit der Antwort noch nicht dran bin. Ich sehe das Kind, wie es im Kreis hin- und herläuft, herumgeht – und ich bemerke, dass ich die Krone sehe!

Wo ist meine Anspannung, mein Ärger, mein Unwohlsein? Nicht mehr da – statt dessen sehe ich das leibhaftig vor mir, was ich gerade noch etwas angestrengt sichtbar machen wollte. Alles an dem Kind vor mir ist schlüssig, königlich, leicht, liebenswert. Die Konzentration auf Renesmee lässt jetzt das in mir schwingen, was hier verhandelt wird. Es wird groß, großartig, einmalig. Ich habe dieses Kind nicht bestellt für diesen Nachmittag. Aber es ist da, geliefert vom Leben und lehrt mich und die Teilnehmer das, was ich mit meinem Vortrag aufscheinen lasse. Eine intensive, eine magische Allianz.

Mein Blick auf das Kind hat sich verändert. Statt Störung jetzt Unterstützung. Statt Unwohlsein jetzt Erstaunen, Ergriffenheit. Statt Belastung jetzt Gelassenheit. Statt „Geh“ jetzt „Willkommen“.

Ich bin von dieser Verwandlung so verzaubert, dass ich erst im Nachgespräch mit der Leiterin dahinter komme, was da passiert ist. Mein Herz sieht Kinder ja so, und das „Ich bin genau so jemand“, von dem Kind hier in den Raum geflüstert, hat mein „Kinder stören die Konzentration eines Vortrags“ überwunden, mich erreicht, meinen Blick auf sie geändert. Ihr wortloses „Hallo Hubertus“ hat mich erreicht, Resonanz ausgelöst, mich „Hallo Renesmee“ antworten lassen. Unsere Welten haben sich aus ihrer Gegensätzlichkeit gelöst.

Der Nachmittag war gut. Sehr gut. Viele nehmen etwas mit, wie es dann heißt. Es wird eine erfüllte und heitere Atmosphäre. Es gibt konkrete Beispiele, direkt zum Erleben: Renesmee nimmt eine Tablettendose aus der Handtasche - „Nein“ - kurzer Protest - und vorbei. Grenzziehen ohne Herabsetzung. Oder: sie hängt sich die Handtasche um den Hals. Die Nachbarin: „Gib her“, das klappt problemlos. Ihre Mutter: „Das kann sie doch machen“. Tasche zurück, das Spiel geht weiter. Die Unterschiedlichkeit der Grenzen wird deutlich. Und dass wir für unsere Grenzwahrung selbst zuständig sind. Alles mein Thema, aber jetzt nicht nur erklärt, sondern direkt gelebt. Und erfahrbar für den anderen Blick auf die Kinder, für den ich heute gekommen bin.

Wir können unseren Blick ändern. Wenn die Belastung und der Ärger unsere Augen formen – das kann weggehen. Wir können anhalten und umdeuten, kann man machen. Muss aber auch nicht zum Stress geraten, diese Umdeuterei. Und gelingt ja auch immer wieder. Vom unguten Ärgerland wandern ins Freudeland. Welchen Großraum will ich haben, wo will ich unterwegs sein? Darauf können wir Einfluss nehmen, von Dort nach Hier gehen, den Blick verwandeln.

Selbstliebe lässt es uns gut gehen. Sie hilft uns. Also lass ich sie mal machen, in mich wirken, meine Blicke freundlich werden. Was ja nicht immer klappt, aber oft eben doch. In großen und kleinen Dingen des Alltags und Miteinanders, mit den Kindern, dem Partner, den anderen. Wie viel Ärger soll in meinem Tag Raum bekommen? Anlässe gibt es genug. Aber mit dem anderen Blick wird der Anlass entärgert und schön geredet und gefreudet. 

Martina erzählt von den Matschhänden. Von Renesmee und ihresgleichen. Die Kinder haben Hunger. Die Brote liegen bereit. Vor dem Essen kommt: das Händewaschen.  Ach ja? Wie will ich das vermitteln? 16 Monate und Matschspaß und Hunger - 36 Jahre und Seife vor dem Essen. Was ist der Blick, mein Blick? Auf die Situation, auf das Leben, die Matsche, die Seife, die Brote, auf Renesmee, auf mich? Mit den Augen der Kinder sehen: mein Herz in ihrer Schwingung. Kann sein, muss nicht sein, kann aber sein. Martina: „Die können auch mit Matschhänden essen.“

Empathie, aus der Selbstliebe heraus. Ohne Anstrengung. Als etwas, das passiert. Wenn im großen Nachdenkeland so etwas gern gesehen wird, Amication zeigt solche Möglichkeiten. Ich zeige sie in den Vorträgen, die Kindern zeigen sie unmittelbar. Unser Kopf und unser Herz können sich verändern. Nicht über die Maßen, ein wenig, oder doch stürmisch. Ich kann beiläufig die Matschende ein wenig sauber wischen, die dreckigen Gummistiefel von den Kinderfüßen ziehen,  das Zimmer aufräumen, nachsichtig sein, gerade auch in der Partnerschaft, in Harmonie geraten, mich anstecken lassen.

Wie viel Streit muss sein? Wie viel Streit will ich haben? Wie viel Ärger muss sein? Wie viel Ärger will ich haben? Wie viel Heile Welt? Wer will ich sein? Wir können das nicht alles wirklich selbst machen. Nicht alles, aber manches und manchmal auch vieles. „Ich bin die Schönste im ganzen Land“ - gilt für alle. Für alle? Ja, das ist paradox und wahr zugleich. Zauberei der Liebe.

„Ich kann nicht gleichzeitig einen Vortrag halten und ein aktives Kind in Raum haben.“ Hallo: nur ein bisschen Durchhalten, und der Gegensatz wird zur Harmoniestraße. Vielleicht sind wir oft einfach zu ungeduldig, zu angestrengt, überfordert, vom Gerade und vom Überhaupt. Ja, so ist es oft, immer wieder. Aber unsere Augen und unser Herz sind strapazierfähig und lassen uns auch immer wieder sehen, was es zu sehen gibt: Königskronen, Freude, Harmonie, Eingeladensein, Mitmachen. Vertrauen auf die Verwandlungen – eine große Hoffnung.
   

Vom liebevollen Bewegen

Wenn ich draußen unterwegs bin, konkret in der Welt unterwegs bin, dem jeweiligen Alltagsszenario: dann kann ich das in ganz verschiedenem Tempo tun. Körperlich gemeint. Ich kann  langsam gehen oder rasant, oder halblangsam oder mittelrasant, zig Varianten. Zig Orte: Im Supermarkt vor dem Regal. In der Buchhandlung zwischen den Büchern, auf dem Weg vom Parkplatz zum Spielwarengeschäft, im Schwimmbad neben dem Becken, im Treppenhaus zur Arztpraxis, vom Kinosaal zum Ausgang. Beim Joggen, Radfahren, Schwimmen, Autofahren, Kinderwagenschieben, WaldundFeldSpazierengehen. 

Welches Tempo findet statt? Wie bewege ich mich im Raum, draußen, in der Welt? Eigentlich findet das ohne große Einflussnahme statt, irgendein Tempo stellt sich ein, ohne Nachdenken, ohne Absicht. Aber natürlich: Ich habe Einfluss auf mein Leben, auch auf meine Bewegungen, ich bin auch hier wie immer mein eigener Chef. Und ich kann, könnte, es mir aussuchen: was soll sein, wie schnell, wie langsam, was passt gerade, überhaupt, ausnahmemäßig, sowieso? 

Ich kann meine Aufmerksamkeit auf alles mögliche lenken. Oder bei allem Möglichen nicht dabei haben. Aber wenn ich es will, bemerke, mich sehe, dann kann ich in mich hören, fragen, antworten: Immer langsam! Mach schneller! Schon gut! Beeil Dich! O.k., gutes Tempo! Meine Bewegungen in der Welt der Dinge kann ich sehen, freundlich Einfluss nehmen und mich mit ihnen, meinen Bewegungen, wohl fühlen. Das geht gut, aber ich merke es selten, doch hin und wieder. Wie beim Schwimmen im Sommersee, beim Joggen im Winterwald, beim Düsen über die Autobahn.

Und das alles gilt auch für die inneren, unsichtbaren, psychischen Bewegungen. Tempomäßig. Aber auch ganz generell, nicht nur tempomäßig. In welchem inneren Raum will ich mich überhaupt bewegen? In einem angenehmen positiven liebevollen harmonischen erfüllten Hauptraum? Oder in den Räumen, die weniger davon, viel weniger davon, gar nichts davon haben? Die das Schild „Unangenehm bis Schrecklich“ über ihrem Tor haben? Können wir darauf Einfluss nehmen, wo wir uns hauptraummäßig bewegen? Zieht es uns nicht automatisch hierhin und  dorthin? Bin ich das Objekt, der Spielball dieser Raumgeschichten, meiner hellen oder dunklen Gefühlshintergrund- und Befindlichkeits(ge)räusche? Ein bisschen, völlig, mal so, mal so? Wer ist hier der Chef und gehört sich selbst?

Na ja. Ich kann darüber nachsinnen, wie jetzt, am Ende eines schönen Tages. In dem ich mich viel in positiven Schwingungswelten gesonnen habe. Auf dem Weihnachtsmarkt, im stürmischen Winterwald, im verzaubernden Kinofilm. Ich spreche mit einer Vertrauten über diese Macht, die wir haben, uns unsere inneren Großräume selbst auszusuchen. Wenn es gut läuft: kaum ein oder gar kein Thema. Aber die Macht ist auch da, wenn nicht gut läuft: bei Krankheit, Trauer, Sehnsucht, Vermissen, blöd bis schrecklich. Also auch bei den unangenehmen Szenarien, wie man sie nennt. Wie man sie nennt – aber ich kann sie eben verlassen, diese unangenehmen Nennungen, Assoziationen, Mitschwingungen. 

Ich kann all das, was so schnell und unerbittlich ins Grämliche und Beschwerliche und Unerfreuliche zieht, mit der Kraft...Welcher? Zauberkraft? Jedenfalls einer durchaus verfügbaren und sehr positiven. Der Kraft in mir, mich zu lieben. Ich kann mich dem Selbstliebetor und so etwas wie dem kosmischen Liebestor zuwenden. Und das zum Hintergrund meiner Bewegungen machen. Aller Bewegungen. Einen Moment, eine zeitlang, viele Zeitlängen. Und immer wieder. Beiläufig oder gesucht und gefunden. Ein liebevolles Geschenk des Lebens.



Vom Kind in der Krippe (3/03)

Religiöse Gefühle, Spiritualität und die ganze Welt, die damit zusammenhängt, sind sehr private Angelegenheiten. Aber es lässt sich auch etwas Grundsätzliches dazu aus amicativer Sicht sagen.

Das beginnt damit, dass unsere Kultur und damit auch unsere Religion vom Oben­Unten-Muster charakterisiert werden, und dass wir als Kinder in diesen kulturellen und religiösen Oben-Unten-Strukturen aufgewachsen sind. Die christliche Religion ist für die Menschen, die sie bejahen und in sich tragen, voll Hoffnung, Trost und Liebe. Das sehe ich sehr wohl. Und auch mit einer amicativen Einstellung kann jeder soviel Christ oder Muslim  oder Buddhist  sein, wie er will - er entscheidet dies aus seiner Souveränität heraus. Aber Oben-Unten enthält eben immer auch ein Unten, und als Kinder waren wir dort, unten, auch als wir in die Religion unserer Kultur eingewiesen wurden. Und hierüber möchte ich nachdenken und dem Weg nachspüren, den auch das Christentum aufzeigen will: den Weg zum Licht, beginnend in der Heiligen Nacht.

Mit Religiosität, Spiritualität, Einschwingen in den Sinn des Ganzen, Teilhabe an der Harmonie des Lebens und der Welt - damit hat ein jeder zu tun. So etwas ist in den Menschen, in ihrem Gefühl und ihrer Existenz. Wenn wir uns als Kinder im Zauber des Tages und in der Magie der Nacht erleben, spüren wir den Atem des Unendlichen, und wir sind voll davon und Teil dieser göttlichen Macht. Wir brauchen keine Pfadfinder, geschweige denn Vormünder, die uns die Wege dort weisen. Wir gehen sie von selbst, mit der Sicherheit derer, die dort zu Hause sind.

Ihr werdet Euch an unzählige Beispiele hierfür erinnern, wenn Ihr einmal inne haltet und zurückschaut. Auf ein Spinnennetz, den Raureif des Herbstblattes, das Sturmrauschen der Zweige, den Nachtschrei der Eule, das Summen der Bienen, das Donnern des Gewitters, die Sommerhitze des Gehwegs an den Fußsohlen, die rasche Sternschnuppe, die kalte Hundeschnauze, den Schmerz des Schienbeinstoßes, das Zwitschern der Schwalben, ...

Wenn wir Kinder all dies für uns allein erlebten oder mit anderen Menschen teilen konnten, denen wir vertrauten und uns anvertrauten - hätte das nicht völlig ausgereicht, um in Demut und Hosianna die Welt zu umarmen? Wozu brauchte es da noch eine Unterweisung, Schulung, Belehrung? Wo könnten wir heute sein, in unserem Erwachsenenleben, wenn wir diesen selbstverständlichen und beiläufigen Pfad der Religiosität, Spiritualität und Harmonie hätten ungestört weitergehen können?

Religion ist für Kinder das Unvermutete. Das Harte. Das Organisierte. Das Verordnete. Das Seltsame. Das Unverständliche. Religion ist das, was uns klein sein lässt, aufschauen lässt, uns bemüht sein lässt, uns tugendhaft selbstdiszipliniert: "Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein". War das wirklich nötig? Und wohin hat es uns geführt?

Religion führt Kinder zu Absonderlichkeiten: Zum Händefalten, zum Hinknien, zum Seltsame-Bewegungen–mit-dem-rechten-Arm-Machen ("Bekreuzigen“) zum Unverständliches-Sagen ("Wie auch wir unseren Schuldigern") zu Verwirrung und Versteh-Ich-Nicht, zu einem seltsamen Leben (nämlich dem nach dem Tod). Religion riss uns fort von der Ungezwungenheit und der Natürlichkeit, von der Freude und der Wahrhaftigkeit, damals, in der frühen Kindheit.

Und die christliche Religion zwang uns Entsetzlichkeiten auf. Erbsünde, Schuldgefühl, Böses, Satan, Hölle - die ganze spirituelle Seite des Lebens wurde in schauriges Gekrächze verzerrt. Wir verstummten erschrocken und zutiefst verunsichert vor dem Monströsen: da hing an der Wand ein Stück abgeschlachtetes Fleisch, genagelt an ein Stück Holz, mit dem Geruch von Tod und Elend, in düsteren Gemäuern, umheult von unterwürfigen Jubelgesängen und angstschwitzendem Trauergemurmel der Großen, im irrflackernden Kerzenlicht und atemnötigen Qualm.

Was unsere Großen aber in völlig verdrehter Weise gut fanden und dem sie sich hingaben. Als wäre uns Kindern ihre Todesangst vor all dem verborgen geblieben, und wenn sie noch so laut ihr "Loben Dich" sangen. Und wie sie das alles mit einem knappen Hyperbombastic-Wort auf den Punkt brachten und uns damit niedermachten, jedem "Bitte, was soll das?" den Boden entzogen, jeglichen Ausweg zumauerten: mit diesem Machtwort GOTT.

Wir waren voll Lebensfreude und Lachen. Wir kamen von der Heuwiese und dem Tau des Morgens, dem frischen Schnee und dem Lachen unserer Spiele. Und wir wurden geschafft hinter große Tore und dicke Mauern, in Unwelten, die sie "Kirche" nannten. Und sie zeigten uns dieses abgeschlachtete Stück Fleisch und beteten es an! Und unterwarfen sich ihm, und all ihre tiefe und wahre Empfindsamkeit für sich selbst und eine Existenz in Harmonie war weggewischt, verdreht und verloren. Nur GOTT konnte ihnen einen Funken Hoffnung geben, dass sie irgendwann einmal, "nach dem Tod" im Licht sein würden. In dem Licht, das für uns Selbstverständlichkeit war, in jedem Spiel, in jedem Spinnennetz, Raureif, Sturmrauschen ...

Unter welche armen, von Düsternis und Verdammnis gezeichneten Monster waren wir da um alles in der Welt geraten? Waren das die Menschen, die wir lieben konnten, denen wir vertrauen konnten, denen wir uns anvertrauen konnten? "Was ist mit euch?" Diese stumme Frage blieb uns im Hals stecken, zu erschüttert waren wir vor dieser seltsamen Schaurigkeit, und zugepackt waren wir von ihrem unerbittlichen Sog, der uns in ihre Religion zerrte.

Und wie sie es uns schrecklich schön redeten, dieses absurde Theater: es gab die Liebe Gottes, seine Gnade, Vergebung, das ewig Leben, einen Sohn, der für uns starb, eine vollkommene Mutter, ach, und all diese jedes Märchen weit weit übertreffenden Fieberphantasien und Verhexungen. Und dann natürlich: die ERLÖSUNG und das PARADIES. Mein Gott, da lebten wir doch längst, jeden Tag, vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Weshalb vertrieben uns die Großen daraus, hin zu ihrer Religion?

Wenn Jemand auf amicativer Grundlage steht, unsere 12 Punkte akzeptiert und gut findet, und dann einmal zurückschaut auf die religiösen Dinge der Kindheit: lässt sich da nicht ein religiöser Kindesmissbrauch sehen? Ein religiöser Menschenmissbrauch? Eine Religions-Traumatisierung der Gesellschaft?

Wie immer in der Amication gibt es die Frage an sich selbst: "Was will ich? Wer bin ich?" Will ich diesen Diebstahl meines religiösen Herzens? Will ich diesen kaum mehr wahrgenommenen Verlust meiner Spiritualität? Will ich verstümmelt in meiner religiösen Ursprünglichkeit und Wahrhaftigkeit weiter durchs Leben gehen? Will ich tatsächlich in ein solches Haus gehen, in dem Kinder von ihrer Harmonie und der Sinfonie des Lebens fortgerissen werden? Kirche, Kreuz, Weihnachten, Krippe? Welche Tränen sind zu weinen über diesen Verlust der Seele!

Weihnachten hat ein Kind als Mittelpunkt. Wir waren Kinder, wir sind Kinder. Mit der Amication können wir all dem noch einmal begegnen, in der Kirche, in der Weihnachtspredigt, vor der Krippe. Wir können mit diesem Kind dort im Verbund sein und uns stolz und aufrecht aus diesem Jammerhaus entfernen. Hinausgehen, in die klare Nacht des Winters und uns von der Unbestechlichkeit der Sterne Freundliches sagen lassen. Und beginnen, unsere Religiosität zurückzuerobern - mit dem Kind in der Krippe, das wir so befreien wie uns selbst. Beginnen, uns mit unserer durch das Christentum unterdrückten Religiosität selbst zu versöhnen.

Und so hängen wir an die Stelle des Kreuzes etwas, das jenseits jeglicher Tod-Leben-Symbolik unmittelbar und eindeutig von der Weisheit und der Liebe des Lebens kündet. Wir hängen Bilder auf, die uns begleiten, voller Religiosität, Ehrfurcht und Andacht: Wie wir unsere Kinder voll Freude an uns drücken, wie wir dem Konzert der Frösche lauschen, wie wir in heiliger Verliebtheit miteinander verschmelzen, wie wir wunderbar frühstücken, wie wir uns den Klängen unserer Lieblingsmusik hingeben, wie wir den Geschichten des Murmelbaches zuhören ...

„'Was sind Deine Bilder, Jesus? Was willst Du dort aufhängen? Was ist der Spiegel Deiner Seele? Was bewegt Dein Leben? Was erfüllt Dich? Was ist Dir heilig? Das Bild vom Esel, der Dich nach Jerusalem trägt? Von Maria Magdalena, von Eurer Liebe? Von der Peitsche im Tempel und Deinem Zorn? Von Lazarus? Von Deinen Freunden? Vom Konzert der Frösche? Von Deiner Lieblingsmusik? Vom Murmelbach?"

Jeder hat seine eigenen Erfahrungen mit der Religion. Und wem sie wertvoll und heilig ist, diese Botschaft von Jesus, seinem Vater und dem Heiligen Geist, dem sei das unbenommen. Amication macht da keine Vorgaben. Ein jeder ist sein eigener Chef, auch in der religiösen Frage. Nichts ist über dem anderen stehend, und was dem einen sein Gott oder Allah, ist dem anderen sein Buddha oder Manitu. Aber dennoch: Weihnachten und das Kind in der Krippe sind eine Gelegenheit, sich seinen eigenen religiösen Kindheitserfahrungen zuzuwenden. Einmal hinzuschauen, was sich dort alles sehen lässt. Wie mit uns umgegangen wurde in einer Oben-Unten-Religion.

Jeder kann sich lieben, auch in seiner religiösen und spirituellen Dimension. Und jeder kann auch dort eine Revolution beginnen, wie in der pädagogischen Frage. Revolutionen des Herzens beginnen mit dem Wieder-Merken und mit dem Noch-einmal-Hinschauen. Wie in der Wahrheitskommission in Südafrika ist das Aussprechen der Wahrheit ein machtvoller Impuls, der die Trauer einlädt und die Heilung beginnen lässt. Niemand muss erzogen werden, ein jeder ist ein vollwertiger Mensch von Anfang an, eben kein Erziehungsmensch. Und ebenso muss niemand zu einem Religionsmenschen gemacht werden. Wir sind wie jedes Kind, auch das Kind in der Krippe, vollwertige Menschen von Anfang an, auch in dieser Frage: Ebenbilder des Göttlichen und Frohe Botschaft. Von nun an bis in Ewigkeit!




Vom Jaulen und der Harmonie

Corbinian ist drei Jahre alt. Er jault ein bisschen, nicht viel, aber unangenehm, für meine Ohren. Irgend etwas passt ihm nicht. So verstehe ich dieses Meckern, diese Töne, diese Psycho­frequenzen. Aber es liegt nichts an. Jedenfalls nichts Aktuelles. Wir haben keinen Zoff. Ich bin (gerade) zufrieden. Er ist es auch. Bis eben. Aber dann hat da diese Jaulerei begonnen, nicht laut, leise, aber hörbar. »Mir passt was nicht.« Soweit, so klar. Ich verstehe: Etwas stört ihn. Und da ich mein Kind liebe (das ist die Basis des Geschäfts), will ich ihm helfen. Also: »Was ist los, Corbinian?« Ich bin nicht angestrengt bei dieser Frage, auch nicht betulich. Ich reagiere ziemlich beiläufig: »Was hast Du?«

Aber nichts kommt. Keine Antwort. Nur weiter diese kleine Jaulerei (die große Jaulerei wäre eine Katastrophe, aber das ist es jetzt nicht). »Was hast Du denn?« Nichts kommt außer Jaultönchen. Natürlich versteht er mich, er ist drei Jahre alt, und er ist klug. Er weiß, dass ich ihm helfen will, aus seinem Ungemach heraus. Und ich denke, dass er auch weiß, dass ich das kann. Er spricht mich ja an. Und ich bin guten Willens und will ihm gern helfen. Aber: ich bekomme nicht die Information, die ich brauche, um ihm zu helfen. »Soll ich dies oder das tun?« Ich mache Vorschläge, ziele auf das, was ich als sein Ungemach vermute, aber das trifft es nicht. Oder es trifft es zwar, aber er reagiert darauf nicht so, dass ich damit weiterkomme. Mit seiner Ruhe, die gerade dahin geht.

Klar weiß ich, dass man solche unergründlichen Klein-Jaulereien den Kindern auch lassen kann. Sie haben alles Recht auf diese Töne, ich muss da nichts richten. Ich kann das als eine »Ausleitung« sehen, einen Psychoeiter, der raus will und eben so rauskommt. Das geht ja auch wieder vorbei. (Wenn es nicht zur Jaulorgie wird, aber das ist ein anderes Thema.) Es geht ja auch wieder, und ich muss da jetzt keinen auf Verständnis, Therapie und Co machen. Ich könnte es ihm auch lassen und meine Dinge tun. Er wird schon klarer werden, wenn es ihm wichtig ist. Sonst bleibt er eben so unscharf, wie das gerade kommt. Und aus.

Aber ich bin doch anders drauf. Sein Ungemach kann ich jetzt, heute, gerade nicht einfach stehen lassen. Ich will antworten, mich kümmern, helfen. Helfersyndrom? Quatsch, zu hoch gegriffen. Es ist einfacher: Ich bin der Vater, dort ist mein Kind. Und das hat ein Beschwer. Und da kümmer ich mich. Also zum dritten Mal: »Was willst Du? Sag mir, was Du brauchst.« Doch da kommt weiter nichts. 

Egal wie das konkret weitergeht (da gibt es so viele Wege wie es Väter und Mütter gibt): Ich bekomme jetzt etwas anders in den Blick, etwas Grundsätzliches, das mir Corbinian wachruft. Es fällt mir nicht sofort auf, sondern erst abends, wenn er im Bett ist, und ich über diese »belanglose« Alltagsszene ins Nachsinnen komme.

»Ich will etwas nicht. Ich will das eigentlich nicht. Nein. Das passt mir nicht. Das muss ich nicht haben. Es soll weggehen. Es stört mich. Es nervt. Geh, geh weg.« Energie gerichtet an irgend etwas, an etwas, das stört. Eine klare Botschaft: Geh jetzt, aus meinem Leben. Jedenfalls jetzt. Und das kann alles und nichts sein. Bei Corbinian könnte das ein Hund sein, der ihn schnuppern will (Hundenase und Kindergesicht sind auf gleicher Augenhöhe); der Bruder, der ein Buch nicht hergibt; ein Schuh, der nicht zugeht. 

»Ich muss das nicht haben. Eigentlich brauche ich das nicht.« Unzählige dieser Stördinge geschehen in meinem Leben. Sind geschehen. Unangenehmes, Millionen kleine Übel. Begleitet von Unbehagen. Begleitet nur von Unbehagen. Dieses Unbehagen fand keinen Weg nach draußen, in die kommunikative Welt, in Sprache, in das kleine oder große Nein. Das Unbehagen war sprachlos, aber zweifellos da, gespürt, wuchernd. Es war nicht berechtigt, mehr zu sein als ein Unbehagen. Es wäre ungezogen, unpassend, überzogen, unanständig, blamierend, beschämend, bloßstellend, peinlich gewesen, dieses Unbehagen zu beachten, geschweige denn mitzuteilen. Das Unbehagliche war hinzunehmen. Man kriegt nichts geschenkt. Das Leben ist kein Zuckerschlecken. Was meinst Du denn, wer Du bist? Wenn eine Selbstverständlichkeit Unbehagen auslöst, ändert das nichts daran, dass das Unbehagliche eben selbstverständlich ist, hinzunehmen ist. Dass ich damit klarzukommen habe. Wie jeder, dem Unbehagliches passiert. Da macht man kein Drama draus, keinen Aufriss. Etwas stört, und mehr ist es ja nicht.

Was sind diese unzähligen Ungemache, die gelebten, aber nicht beachteten und nicht mitgeteilten? Die nicht thematisierten. Die Selbstverständlichkeiten. Über die so nachzudenken, wie ich es jetzt tue, nicht am Horizont auftaucht. Die real existierenden Unbehaglichkeiten – aber die kommunikativ tabuisierten. Von denen die Welt ringsum nicht mitbekommen kann, wie unbehaglich mir das da gerade ist. Oder von der die Welt ringsum schon merkt, dass mir da was nicht passt, aber niemand einen Weg sieht, wie sich das verringern oder vermeiden lässt. Ich bin mit meinem Unbehagen allein und die anderen lassen mich damit auch allein sein.

Retrospektive: Ich bin 6 Jahre, doppelt so alt wie Corbinian, ich erinnere mich: Will ich eigentlich in die Schule? Morgens weg von zu Hause? Aufstehen, wenn ich noch müde bin? Will ich mit den Nachbarn in ihrem Auto zur Schule gefahren werden? Will ich ein Regencape auf dem Fahrrad ummachen? Will ich zum Flötenunterricht? Will ich diese Hausaufgaben machen? Will ich schon nach Hause? Will ich in die Badewanne? Sagosuppe löffeln? Fisch essen? Lebertran nehmen? Zur Impfe gehen? Ach, es sind Millionen Dinge. Doch da kommt von mir kein Jaulen, kein Signal: »Ich will das eigentlich nicht«. Es kommt überhaupt kein Bewusstsein in mir darüber auf. Keine Selbst-Bewusstsein. Kein »Das kann man mit mir doch nicht machen«. Kein Protest von der Art, die voller Gerechtigkeit ist. Es kommt nur das Hinnehmen des Selbstverständlichen, nichts sonst. Der Macht des »Man muss« kann ich nichts mehr entgegensetzen, jedes Aufbegehren wäre einfach nur ungehörig. 

Man geht zur Schule. Man macht Hausaufgaben. Man kommt pünktlich nach Hause. Man isst Fisch. Man, man, man: es gehört sich eben so. Und aus. Und aus. Und aus. 

Wenn ich da doch mal opponiert habe, mit schlechtem Gefühl, dann war ich »ungezogen«. Ich ging auf verbotenen Wegen, und wieder war es aus. 

»Ich will das eigentlich nicht in meinem Leben haben«. Heute: Diesen Irakkrieg. Diese Atomkraftwerke. Diesen Dieselruß. Diesen Zucker in den Lebensmitteln. Dieses Amts­schreiben. Diese Autoreparaturkosten. Diesen Kostenvoranschlag vom Zahnarzt. Diese, diesen, dieses. Denken kann ich das schon – nur es ist eben lebenslang ungehörig, kinderkramlich, nicht ernst zu nehmen. Was soll der Quatsch? Wenn mir was nicht passt, kann ich es sagen, ordentlich. Aber nur so ein Gefühl haben, dass da was nicht stimmt? Nicht in mein Leben passt? Und so ein Gefühl dann auch noch als berechtigt, legitim ansehen und es auch noch offensiv und stolz und selbstbewusst und avantgardistisch und energisch aufsteigen lassen, zulassen und als vorbildlich und lebensdienlich und friedensstiftend begrüßen und dann auch noch mitteilen??? Das ist doch affig, Kleinkindverhalten, Jaulen.

 Eben. Und genau das zeigt mir Corbinian. In seiner Größe. Und Schlichtheit: »Mir passt da was nicht«. Es sagt es mit seinen Tönen. Er sagt einfach, was ich nie sagen konnte, mich nie zu sagen traute. Nie wäre ich auf den Gedanken gekommen, dass ich alles Recht der Welt hätte, das so zu sehen: »Ich will das eigentlich nicht«. 

Und wie er da so vor mir mit der Jaulerei anfängt, der kleinen, die so unbestimmt ist für meine Ohren, da höre ich auf einmal das ganze Recht dieser Töne. Er sagt es. »Mir passt etwas nicht«. Und ich verstehe ihn, so wie ich mich immer verstanden habe, wenn ich in mir dieses Unbehagen an den Millionen Dingen spürte. Nur, und da ist der grandiose Unterschied, dass er so einfach dahinter steht, so reinen Herzens. Mir gehen die Augen auf. Ein Mensch merkt sein Unbehagen, nimmt es ernst und teilt es mit. Ich bin dabei und bekomme es anvertraut. Es ist gar nicht mehr wichtig, was es konkret ist. Mich berührt, dass dies alles überhaupt stattfindet: das Merken, das Dazustehen, das Ausdrücken, das Anvertrauen.

Ich nehme ihn auf den Arm. Ich sage nichts. Ich weiß immer noch nicht, was er hat. Ich merke sein Unbehagen, und sage zu diesem Unbehagen klar und deutlich und ohne Worte »Ja«. Was heißt: Anerkennung der Realität, Akzeptanz der Missbilligung, des Unbehagens. Und ich erkenne, dass ich zu allen Millionen Unbehaglichkeiten meines Lebens ebenso klar und deutlich »Ja« sagen kann. Was ja ein »Nein« bedeutet: »Ich will das eigentlich nicht haben in meinem Leben. Ja – ich will das nicht haben.« So ist das!

 Und dann fällt mir gleich der nächste Schritt ein. Wie wäre es, wenn ich damals mit 6 Jahren mein Unbehagen so ausgedrückt hätte, wie Corbinian das heute tut? Ich meine: was hätte ich mir dann gewünscht, von den anderen, meinen Großen damals? Ich hätte mir ihre Frage, Aufmerksamkeit, Einfühlung gewünscht: »Was willst Du denn eigentlich? Was brauchst Du denn? Womit kann ich Dir helfen«. Einfach mal schauen, was dieses Kind so will, wünscht, braucht. Mich gefragt und gesehen fühlen. »Wer bist Du, Kind?« 

»Was brauchst Du denn, Corbinian?«, sage ich. Was immer auch jetzt kommen mag, ich muss es ja nicht alles tun. Ich kann auch nicht alles tun. Und ich will auch nicht alles tun, was die Kinder von mir so wollen. Aber ich kann ja mal sehen, was anliegt, vielleicht kann ich ja doch. Erst mal sehen. Erst mal fragen, erst mal den anderen Menschen bemerken: »Was willst Du? Wer bist Du? Was kann ich für Dich tun?« 

Es macht mich glücklich, dass ich auf mein Kind so zugehen kann. Dass ich ihn auf dem Arm nehme und ihn frage. »Was brauchst Du denn?« Ich fliege durch die Jahre zurück, in sein Alter, und alle die Millionen hingenommenen Unbehaglichkeiten streife ich dabei, und ich sage ihnen, dass sie keine Schandflecken auf meiner Seele waren, sondern Lichtzeichen meines Selbst, Signale, die mich selbst und die Welt um Hilfe riefen. Ich bin alt, Corbinian ist jung. Man muss das alles nicht endlos wiederholen, denke ich mir, diesen verstellten Weg. Ich kann Corbinian als Piloten nehmen, der sich im All des Seltsamen und Unbehaglichen noch auskennt. Und so kümmere ich mich um ihn, und damit um mich, und sein »Ich will jetzt gar nicht laufen«, was dann leise kommt, lässt mich jauchzen: Dann trage ich dich eben, auf dem Arm, hier, zum Einkaufen. »Du musst auch nicht laufen«. Da wird er wieder fröhlich. Und dann will er wieder runter. Und läuft. Und der Schatten ist vorbei.

Schatten: im Alltag, überall. Mit den Kindern, in der Partnerschaft, im Beruf, ach sonst wo: »Ich will das eigentlich nicht.« »Was willst Du denn?« Man könnte doch mal schauen, was geht. Ohne sich zu verleugnen. Und oft geht es ja auch, und das muss nicht überhand nehmen, das Unbehagen, oder man kann es mit der Hilfe der anderen beenden, zur Ruhe kommen lassen. »Arm« sagt Corbinian, und das heißt »Trag mich« und dass heißt »Sei mir nah«.

»Ich möchte das nicht« – »Was möchtest Du denn?« Wenn so etwas ohne Arg schwingen kann zwischen uns. Wenn das »Ich möchte das nicht« keine Abwehr hervorruft, wenn das »Was möchtest Du denn?« keine Schwäche vermuten lässt und keinen Anspruch provoziert. Wenn da nur ist »Ich« und »Ich«: »Ich will etwas nicht« und »Ich biete meine Hilfe an«. Wenn dieses einfache »Es tut weh« und »Kann ich Dir helfen?« Raum bekommt, in das Herz einzieht, auch im Konzert des Alltags seinen Klang hat. Wenn es nicht untergeht. Wenn wir es hervorzotteln unter dem Schutt der Routine unserer Beziehungen. Wenn wir uns ein kleines bisschen, mit so einer gewissen Selbstironie, disziplinieren: »Das kann man doch auch ganz anders sehen.« Dieses Unbehagen des Kindes, des Partners, des Anderen, sein Nein, seine Abwehr, sein Jaulen. Man kann das auch anders sehen. Und anders reagieren. Schöner, mit sich selbst mehr im Frieden. 

Und das alles ohne Druck, ohne Zwang, nur als Idee, Möglichkeit, Einladung. Ich lade mich selbst ein, Corbinian freundlich zu sehen. Sein Jaulen nicht aus dem Reich des Bösen kommen zu sehen, sondern aus seinem Licht. Und mein millionenfaches Jaulen mir nicht übel zu nehmen, sondern ernst zu nehmen. Und meine Hilfe anzubieten. Und auch um Hilfe zu fragen. »Du könntest mich unterstützen«, ohne Forderung. Es gibt auch diesen großen Weg, den Weg der Harmonie. Es ist nicht verboten, ihn zu gehen, und er ist auch immer da. Auch für mich, wenn ich ein jaulendes Kind trage oder wenn ich ein jaulendes Kind bin und voll Unbehagen dahin stolpere. Auf diesem Weg kann ich mich wieder aufrichten und mit mir in Übereinstimmung und Harmonie sein.


bei
mir sein
meine farben malen
meine bewegungen leben
meine blicke ruhen lassen
meine blumen blühen lassen
meine sprache sprechen
mit meinen händen
meine dinge
 tun



Vom Herrschaftsanspruch und dem Wissen, was für andere gut ist

Die Herrschaft beenden ...


Es ist für Erwachsene selbstverständlich, dass sie den Kindern sagen, was sie zu tun und zu lassen haben. »Iss Deinen Teller leer!« – »Stell Dein Rad in den Keller!« – »Setz die Mütze auf!« – »Spiel nicht am Radio rum!« – »Komm um acht nach Hause!« – »Mach Hausaufgaben!« Alle Kinder müssen letztlich tun, was Erwachsene ihnen sagen.

Doch die Missachtung des anderen, der niemals wirklich ein Befehlsempfänger ist – und das gilt selbstverständlich auch für Kinder – liegt nicht so sehr in den konkreten Anordnungen. Sie liegt im Grundsätzlichen: Dass Erwachsene sich überhaupt herausnehmen, etwas anzuordnen oder zu verbieten.

Wir haben nun als Mutter, Vater, Lehrer oder Erzieher die Möglichkeit, darauf zu verzichten, etwas durchzusetzen. Wir haben das Recht dazu. Wer würde es uns streitig machen? Wenn wir den Kindern gegenüber auf das Durchsetzen verzichten wollen – wir können es, es fällt in unsere Zuständigkeit. Eventuell werden wir uns dafür Kritik einhandeln: »Du lässt aber auch alles durchgehen.« Aber niemand stellt in Frage, dass wir in konkreten Fällen auf die Herrschaft über Kinder verzichten können.

Doch dass wir überhaupt verzichten können, bei Kindern etwas durchzusetzen, bedeutet auch, dass Kinder von unserer »Großzügigkeit« abhängig sind. Kinder haben nicht den gleichen Status wie wir. Sie können nicht ins Spiel bringen, dass niemand das Recht hat, ihnen gegenüber etwas durchzusetzen.

Aber nur dies, meine ich, ist richtig. Grundsätzlich haben Erwachsene kein Recht, Kindern gegenüber etwas durchzusetzen. Es gibt keine wirkliche Berechtigung, über einen anderen Menschen Herrschaft auszuüben, niemandem gegenüber, auch Kindern gegenüber nicht.

Ich jedenfalls habe für mich erkannt, dass ich keinen Herrschaftsanspruch habe, wenn ich mit Kindern zusammen bin.
Das Ablegen dieses Herrschaftsanspruchs kommt nicht nur aus der Überlegung, dass Kinder wie alle Menschen eine unantastbare Würde besitzen, dass sie souveräne Menschen sind wie jeder andere auch. Die Aufgabe des Herrschaftsanspruchs kommt neben solchen intellektuellen Motiven vor allem aus meinem Gefühl: Ich will einfach nicht mehr jemand sein, der sich das Recht herausnimmt, ein Herrscher über Kinder zu sein. Dies bereitet mir unangenehme Gefühle, Widerwillen, Abscheu. Ich finde das nicht nur nicht gerechtfertigt, sondern auch abstoßend. Genau so, wie ich Widerwillen habe, wenn ich etwa für Menschen mit einer anderen Hautfarbe zum Herrscher werden sollte – wie es aber vor noch nicht allzu langer Zeit für einen Weißen selbstverständlich war. Ich habe nicht nur mit dem Verstand, sondern auch mit meinem Herzen die Position der Gleichwertigkeit aller Menschen – auch der Kinder – eingenommen.
Im Erwachsenenalltag sind wir es ja auch sehr wohl gewohnt, dass wir kein Recht haben, andere Mensch zu beherrschen. Wir haben keinen Herrschaftsanspruch an die anderen. Wir gehen mit ihnen auf einer gleichen Basis um, wir bitten, und gelegentlich üben wir auch Druck aus. Das Ausüben von Druck auf andere ist dabei von der aktuellen Situation abhängig. Doch das Gefühl, dass der andere sich beugen müsse – also einen Herrschaftsanspruch – haben wir nicht. Vielleicht fügt sich der andere, dann war der Druck erfolgreich. Aber er hätte es nicht tun müssen, es besteht für den anderen keine Verpflichtung hierzu – und für uns kein Recht, dies zu erwarten.
Nur Kindern gegenüber ist das alles ganz anders. Dort gibt es eine Grundgröße, ein Selbstverständnis, ein Gefühl, ja ein Rechtsgefühl (ein Gefühl, dass man im Recht ist und das sich auch längst in juristischen Regeln ausgedrückt hat): Erwachsene können Kindern sagen, was sie zu tun und zu lassen haben. Erwachsene sind dazu berechtigt. Erwachsene haben den Anspruch, dass Kinder folgen. Im Unterschied zum Verhalten der Erwachsenen untereinander gehört im Umgang mit Kindern der Herrschaftsanspruch dazu.
Den Herrschaftsanspruch anderen Menschen gegenüber gab es auch unter Erwachsenen. Und die Menschen konnten sich davon befreien. Von der Folter, der Leibeigenschaft, der Sklaverei, der Frauenunterdrückung, dem Rassismus, dem Kolonialismus, dem Kommunismus. Das Ablegen des Anspruchs, über andere zu herrschen, hat eine lange und gute Tradition in der Geschichte der Menschheit.
Erwachsene können heute erkennen, dass sie ihre Kinder in der destruktiven Tradition des Herrschaftsanspruchs großziehen. In der Tradition, in der sie selbst, ihre Eltern und die Eltern ihrer Eltern groß geworden sind: Kinder sind der Herrschaft Erwachsener unterstellt. Doch man kann noch einmal nachdenken und noch einmal hinsehen. Man kann – mit einer neuen Perspektive – bemerken, dass es wirklichkeitsfremd und unwürdig ist, Kindern die Fähigkeit zur Selbstverantwortung abzusprechen und sich für sie verantwortlich zu fühlen. Es gibt heute ein neues Gefühl für die Würde des Kindes – dem können Erwachsene nachspüren und in der Tradition der Menschenrechte gleichwertige Beziehungen mit Kindern beginnen.
 
... und wissen, was gut ist

Ich mache mir durchaus Gedanken darüber, was für andere gut ist. Mir ist dabei aber stets klar, dass dies einzig meine eigenen Überlegungen sind und dass sie nur in meinen Zuständigkeitsbereich fallen. Dass sie nicht über den Auffassungen des anderen stehen und dass sie nicht irgendwie »objektiv« richtig sind. Wenn ich mir überlege, was für einen anderen gut ist, dann ist dies meine Überlegung und sie hat keinen Anspruch, wirklich das Maßgebende für den anderen zu sein, oder gar, dass dieser einsehen müsse, dass ich recht habe.

»Auf der Mauer balancier lieber nicht, die ist zu rutschig vom Regen.« – »Lass die kaputte Flasche liegen, da schneidest Du Dich nur.« – »Bloß kein Eis mehr, Du verdirbst Dir den Magen.« – »Nicht so wild, das Rad geht kaputt und Du tust Dir weh.« – »Wenn Du weiterkletterst und runterfällst, brichst Du Dir noch etwas.«

Ich teile mit, was meiner Meinung nach für den anderen gut ist. Und ich habe auch kein Problem damit, dies dann als »Ich weiß, was für Dich gut ist« zu bezeichnen. Oder genauer: »Ich weiß, was für Dich gut sein könnte«. Aber es kommt nicht auf die Wahl der Worte an, sondern auf die innere Haltung. Wenn jemand sagt »Ich weiß, was für Dich gut ist« und dabei die innere Haltung hat »Und richte Dich danach, tu, was ich sage, denn ich weiß es schließlich besser als Du«, dann schwingt da etwas Herabsetzendes mit, und dies lehne ich ab.

Mein Gefühl, meine Einsicht, meine Erfahrung zu dem, was für Kinder gut ist – sein könnte! – verberge ich nicht. Diese Dinge sind schließlich in mir. Ich gebe dies an die Kinder weiter, so wie ich auch meinen erwachsenen Freunden Rat gebe und ihnen Vorschläge mache. Im Unterschied zur erzieherischen Haltung lasse ich es aber beim Informieren und bestehe nicht darauf, dass ich recht habe, und dass die Kinder meine Auffassung teilen und mir innerlich zustimmen sollen.

Ob sich ein Kind im Handeln nach dem richten wird, was ich sage, hängt von vielen Faktoren ab. Sicher folgen die Kinder oft meinen Vorgaben, und ebenso sicher ist, dass sie dies oft nicht tun. Aus den vielfältigsten Gründen heraus kann ich ihr Nein häufig akzeptieren. Aber es kann genauso gut vorkommen, dass ich eine Ablehnung meines »Ich weiß, was für Dich gut ist« nicht vertragen kann und dann durchsetze, dass gemacht wird, was ich will. Dann bin ich zu ungeduldig, zu ängstlich, zu verärgert, zu überzeugt, zu informiert oder sonst irgendwie »klüger«.

Ich übe dann Herrschaft aus, damit geschieht, was ich will. Das ist klar, und das kann ich dann gerade nicht vermeiden, obwohl ich es ja eigentlich nicht will. Doch es gibt einen großen Unterschied zwischen meinem »Tu, was ich als gut für Dich ansehe« und dem erzieherischen »Tu, was ich als gut für Dich ansehe.« Wenn ich Herrschaft ausübe und mich durchsetze, schwingt nicht der Anspruch mit, dass das Kind sich auch meiner Bewertung unterwerfen soll. Ich beschränke mich auf das Ausüben von Herrschaft, auf das Durchsetzen, und lasse es in Ruhe damit, ob es das nun einsehen wird oder nicht. Bei aller Herrschaft, die immer wieder von mir ausgeht – es ist kein erzieherischer Anspruch dabei, kein Angriff auf das Selbstwertgefühl und die Identität des Kindes. Ich unterwerfe nicht auch noch seine Gesinnung, wenn ich es schon zu einem bestimmten Verhalten zwingen sollte. Und die Kinder können das, wozu ich sie zwinge, für völlig unmöglich halten. Das fordert mich nicht heraus und macht mich nicht aggressiv. Sie können ihre Meinung über mich zurückhalten oder offen aussprechen. Und oft ist es so, dass ihr freimütiger Protest mein Herrschen unterbricht und beendet.

Als Arnd einmal bei mir übernachten wollte, sagte ich, es wäre sicher gut für ihn, zu Hause anzurufen und Bescheid zu sagen. Sonst würde er morgen Schwierigkeiten bekommen. Seine Eltern müssten wissen, wo er ist. »Ach, das ist doch nicht so wichtig.« »Du kriegst aber bestimmt riesigen Ärger.« »Macht nichts.« »Wenn ich für Dich anrufe, sieht es blöd aus.« »Ist doch nicht mein Problem.« Er wollte nicht tun, was für ihn das Beste war! Und ich begann zu herrschen: »Dann kannst Du nicht hier bleiben.« »Na gut, wenn es sein muss. Aber ich finde es total überflüssig. Du stellst Dich ganz schön an.« Er tat dann, was ich wollte, aber er behielt seine eigene Bewertung. Da ich nicht den Anspruch hatte, wirklich recht zu haben und dass er dies einsehen müsse, griff ich ihn in seinem Selbstwertgefühl nicht an. Und nur deswegen blieb er überhaupt noch.

Wissen Kinder, was für sie gut ist? Sie wissen es entsprechend ihrem Erfahrungs- und Bewertungshorizont, wie das bei jedem Menschen der Fall ist. Beispiel Kind: Es will einen Weihnachtsbaum anzünden, um sich an der erhofften Wirkung (Feuerwerk) zu erfreuen. Und hat Vorsorge für den Notfall getroffen (Wassereimer). Beispiel Erwachsener: Er will ein Atomkraftwerk bauen, um sich an der erhofften Wirkung (Energiegewinn) zu erfreuen. Und hat Vorsorge für den Notfall getroffen (Katastrophenplan). Aus ihrer Sicht wissen sie, was für sie gut ist. Ich bin da oft ganz anderer Meinung, aus meiner Erfahrung und Bewertung heraus. Ihr subjektives Wissen ist meinem subjektiven Wissen jedoch stets gleichrangig – denn objektives Wissen existiert überhaupt nicht.

Dem zuzustimmen – dass es keine Objektivität der Erkenntnis gibt – ist natürlich nicht jedermanns Sache. Es ist jedoch meine Überzeugung, sie gründet in dem postmodernen Paradigma der Gleichwertigkeit. Und wenn ich auch allemal meinem Wissen verpflichtet bin und dies notfalls durchsetze – so steht es mithin nicht über dem Wissen eines Kindes und verdrängt nicht meinen Respekt davor, dass jedes Kind wie jeder Mensch sehr wohl weiß, was für es gut ist. Im übrigen ist das Wissen der Kinder ist nicht von der Art, wie wir Erwachsene etwas wissen. Es ist ein Gespür für das Angemessene, eine emotionale Sicherheit, die auf Selbstvertrauen und Ich-Sicherheit beruht. Dieses Wissen der Kinder ist ein Wissen, wie es ursprünglich aus uns kommt, es ist ein Wissen von innen.


Kinder
und Morgenröte –
machtvoller Aufbruch,
voller Leben, das längst
begonnen hat und stets
und ganz sich selbst
gehört.

Wir, einst
früher Tag gewesen,
können neu verstehen lernen,
was Kinder brauchen und
welche Aufgabe
uns das Leben
zugewiesen
hat.




Vom freundlichen Umgang mir dem Sollen

Wir sollen viel. Ein gutes Leben führen, uns nicht so viel aufregen, Verständnis füreinander haben, mehr Gelassenheit ins Spiel bringen, ökomäßig drauf sein, die Kinder beziehen und nicht erziehen, ausländerfreundlich sein, die Seele baumeln lassen, wild und gefährlich leben, da sein und Zeit haben, an uns selbst denken und uns lieben, den ersten Atemzug selbst tun und auch noch in Würde sterben ...

Wir sollen viel. Das Viel hat sich verändert, das Sollen nicht. Was lässt sich tun? Soll denn etwas getan werden? Na ja, wenn das alles ein Missstand ist, all diese (neuen) Anforderungen, und es irgendwie unfroh macht. Man muss so viel Ungemach mit dem Sollen doch nicht mit sich herumschleppen. Sind wir zum Leiden da? Sollen wir uns freuen? Über uns, die Umstände, das Leben? Sollen? Schön wär's ja, das mit dem Freuen, aber wie bekommt man das hin, ohne dass da schon wieder ein Sollen lauert: Man soll sich seines Lebens erfreuen! Jawohl, man soll.

Der Weg zum Frieden kann nur der Friede selber sein (M. L. King). Was heißt: vom Sollen kommt man nur weg ohne Sollen. Es heißt nicht: der Weg zum Frieden soll nur der Friede selber sein. Es heißt »kann«. Aber wie gelingt es, dieses »kann«?

Wenn man sich vom Sollen verabschiedet (oder von irgend etwas anderem, was man nicht mehr will), dann lässt man es in Ruhe. Stop, Falle: das heißt doch im Klartext: man sollte es in Ruhe lassen, sonst gelingt es nicht! Wir sind viel zu eingefangen in das Denken im Sollen, als dass das so einfach geht. »Ich liebe mich so wie ich bin« – das ist doch auch ein Ziel, eine neue Norm, ein Sollen, ein neues Sollen ...

Ich erkenne das Sollen-Denken überall, offen und verborgen und besonders verborgen und superverborgen (wenn man es nämlich überwinden will). Ich finde das Sollen auch nicht schön, ich hätte es lieber nicht dabei, in meinem Leben, und überhaupt. Aber: es ist da. Wie man es auch dreht und wendet: es ist da. Und ich denke: es bleibt auch da. Es ist eine der Tatsachen des Lebens, so wie es heute stattfindet (vielleicht ist es in 1000 Jahren ja anders). Das ist für mich die zweite Überlegung: das Sollen wird nicht gehen. (Die erste Überlegung ist: das Sollen gefällt mir nicht, es soll gehen.)

Und jetzt, nach so viel Realismus? Ein Realismus, den aufzubringen ich schon für eine gute Leistung halte: Wer von den »Ich-will-kein-Sollen-mehr«-Leuten sieht schon, dass wir in einem real existierenden Sollenland leben? Also: was jetzt? Dann soll es eben sein, das Sollen? Soll es so sein? »Ich soll mich lieben so wie ich bin«? »Ich soll ein gutes Leben führen? Mich nicht so viel aufregen? Verständnis haben?« usw., siehe oben?

Ich habe etwas gefunden, das mich zufrieden zurücklässt bei der ganzen Problematik, beim Sollen ohne Sollen, beim Frieden, wo auch der Weg dahin schon Friede sein soll und bei den ganzen anderen paradoxen Unwirklichkeiten, wozu auch unsere Geschichte mit dem »Nicht erziehen gelingt nur durch Nichterziehen« gehört. Ich komme mit einem freundlichen und leicht ironischen: »Ach ja? Welche Mühe! Meine Güte! Ja, wenn du meinst ...« Ich komme mit einem Augenzwinkern, trinke einen Schluck Entdramatisieren und will es eine große Nummer kleiner angehen. Und ich sage: »Schön wär's.« Schön wär's, mit dem Frieden, mit dem Ohne-Sollen, mit dem Nicht-Erziehen. Wenn es denn gelänge. Würd' ich mich drüber freuen. Hätt' ich nichts gegen. Klar, ich bin dabei, wenn es so kommt. Mir zur Ehre.

Könnt ich mich drüber freuen, wenn ich keinen töte – statt »Du sollst nicht töten«. Könnt ich mich drüber freuen, nicht zu lügen – statt »Man darf nicht lügen«. Könnt ich mich drüber freuen, mich zu lieben – statt mir das heimlich zur Norm zu machen. Könnt ich mich drüber freuen, die Kinder nicht zu missionieren – statt dies als Fahne vor mir herzutragen. Wenn es denn gelänge, ein bisschen, manchmal, Dienstag Nachmittag bei Sonnenschein, wäre schön. In Respekt und Demut vor den Mächten der Wirklichkeit, die uns umgeben: Dem allgegenwärtigen Sollen unserer Zeitläufe. Wenn es denn gelänge, so eine kleine Insel ohne Sollen. Ohne das Sollen zu ärgern, es ihm abzutrotzen. Einfach so, mit einem freundlichen Lächeln: Ja, ist doch nicht verboten, Herr Sollizist, kann man doch machen, ich meine hier, jetzt, am Dienstag, wo die Sonne scheint? Natürlich, das Sollen stelle ich nicht in Frage als Wirkmächtigkeit, als Realität. Rein theoretisch schon, ich verrate ja auch meine Ziele nicht. Friede ist schon etwas Großartiges. Oder Wahrheit. Oder Unterstützen statt Erziehen. Oder Selbstliebe. Aber, mal so ganz privat, wo es nicht an die große Psychoglocke gehängt wird, wo es keiner so richtig merkt: so ein bisschen, so ein klein wenig, das reicht doch völlig aus, so am Anfang, in diesem Leben ...

Heile Welt ist ein zerbrechliches Gebilde, fein gesponnen, nur mit Zärtlichkeit der Wirklichkeit gegenüber, so dass die sich nicht aufregt und zurückschlägt, dieses Imperium der Macht. Und mehr davon? Vielleicht ein ganzes Leben ohne Sollen? Warum nicht? Ist doch nicht verboten, freundlich zu sein, auch zum Sollen. Soll doch das Sollen so oft kommen, wie es meint, kommen zu sollen. Und ich freue mich einfach, wenn es denn gelingt, wenn es mir passiert, wenn es mir geschenkt wird, das Fernbleiben des Sollens.

Also: Sollen findet statt. Es lässt sich nicht in uns selbst zum Verschwinden bringen. Es findet sogar dort statt, wo wir es ausdrücklich nicht haben wollen, in der Amication, wo doch ein jeder Herr seiner selbst ist, keiner Norm wirklich unterworfen. »Ich soll gar nichts!« Ja ja, das ist schon recht so. Aber es gilt eben zu verstehen, dass es nicht bedeutet, dass ich »Ich soll gar nichts« soll. Es wird in der Amication keine neue Sollennorm errichtet, sondern es wird ein Einladung ausgesprochen, eine Freude angeboten, dem Leben ein Hosianna gesungen.

Amication ist ein »Kannst Du machen«. Jeder kann sich lieben, da spricht nichts gegen. Die alte Weltsicht hat tausend Dinge, die dagegen sprechen. Doch hier wird das anders gesehen. Amication ist die Information und Gewissheit: »Da spricht nichts gegen, kannst du machen«. Und Amication ist dann noch ein bisschen mehr: »Mach doch – Komm mit – Du bist willkommen«.